Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Weise. Es handelt sich um das von 
Bruno Schönfelder in die deutsche 
Sprache und auf deutsche Verhältnis­
se übertragene Buch "Economics of 
the Public Sector",  2nd. Ed., 1 988 von 
J oseph Stiglitz. Das Buch besticht 
durch eine Reihe von Vorzügen. Stig­
litz schöpft die Möglichkeiten bis zur 
Grenze aus, sehr komplexe Zusam­
menhänge und Argumentationen 
durch Graphiken ohne mathemati­
schen Aufwand zugänglich zu machen. 
Auch die Einfachheit hat ihren Preis, 
aber bei Stiglitz kann man sicher sein, 
daß bis zuletzt darum gerungen wur­
de, diesen möglichst niedrig zu halten. 
Dieser benutzerfreundliche didakti­
sche Ansatz ist so konsequent durch­
gehalten, daß man auf den ganzen 700 
Seiten vergeblich nach einer mathe­
matischen Ableitung sucht. Stiglitz 
bleibt aber nicht nur in seinen Graphi­
ken, sondern - was oft noch schwieri­
ger ist - in seinen verbalen Erörterun­
gen äußerst exakt. Es wird schwerfal­
len, ihm irgendwo fehlerhafte Logik 
der Argumentation nachzuweisen. 
Der rigorose Verzicht auf formale 
Darstellungen sollte allerdings über 
eines nicht hinwegtäuschen: Das Ver­
ständnis der im Buch präsentierten 
Argumentationen impliziert eine nicht 
ganz oberflächliche Kenntnis von ent­
scheidungslogischen und markttheo­
retischen Grundlagen. Stiglitz' ge­
schickte Präsentation eröffnet zwar 
durchaus auch dem wenig Vorgebilde­
ten die Möglichkeit, sich Zusammen­
hänge "intuitiv" plausibel zu machen. 
Man sollte sich dabei aber im klaren 
sein, daß hinter sehr simpel aussehen­
den und ziemlich einfach erklärten 
Graphiken vielfach im Grunde kom­
plizierte Voraussetzungen und Argu­
mentationsmuster stehen. An einigen 
Stellen wird sich mancher Leser sogar 
fragen, ob die didaktisch begründete 
Vereinfachung nicht zu weit getrieben 
wurde, etwa bei der Darstellung des 
Harberger-Modells der Steuer-Inzi­
denz in einem rudimentären "allge­
meinen Gleichgewicht" .  Es ist zu be-
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1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 
fürchten, daß die Abbildung zum 
"Harberger-Modell" auf S. 541 doch 
insofern zu stark vereinfacht, als das 
Wesentliche - nämlich die hinter der 
Kapitalangebotskurve im "körper­
schaftlichen Sektor" steckenden Zu­
sammenhänge - den meisten Lesern 
höchstens fragmentarisch und als vage 
Ideen bewußt werden. Denn die - rela­
tiv kurze - verbale Motivierung des 
Verlaufs dieser Kurven (sektorale Ka­
pitalintensitäten und Substitutionse­
lastizitäten) dürfte an dieser Stelle für 
einen wirklichen Einstieg in die Inter­
dependenzen des Modells nicht hinrei­
chen. 
Solches ist allerdings eher ein Ein­
zelfall. An den meisten Stellen wird 
indessen die Bewunderung für die er­
folgreich geübte Kunst der präzise 
bleibenden Vereinfachung alle Zweifel 
in den Hintergrund drängen. Die Ge­
fahr einer zu naiven Sicht theoreti­
scher Modelle wird überdies durch ei­
ne weitere bestechende Fähigkeit 
Stiglitz' gemildert. Mit wenigen siche­
ren Strichen vermag er theoretische 
Modelle - wie beim eben erwähnten 
Harberger Modell - zu relativieren 
und in eine Gesamtperspektive zu stel­
len. Er findet den Mittelweg zwischen 
unkritischer Paukerei - welche unter 
Umständen zu einer Ideologisierung 
von Modellen und Argumenten führt -
und besserwisserischer Nörgelei, wel­
che dem Leser den Blick auf das trotz 
aller Problematik meist vorhandene 
Erklärungspotential verstellt und ihm 
den Anreiz zu einer wirklichen intel­
lektuellen Auseinandersetzung nimmt. 
III. 
Eigentliche Schwächen weist das 
Buch nicht auf. Durch in den in der 
neuen amerikanischen und der deut­
schen Auflage erfolgten Einbezug der 
Stabilisierungspolitik wird insgesamt 
ein abgerundetes Bild einer modernen 
Finanzwissenschaft präsentiert. 
Es wäre Beckmesserei, einem sol-
        

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