Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 4 (4)

1 8 .  Jahrgang (1 992), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
Arbeitsplatz gefunden zu haben. Auch in Italien hat die über­
wiegende Zahl der Langzeitarbeitslosen noch nie zuvor gear­
beitet. Es bedarf nur wenig Phantasie, um sich eine Bedro­
hung des gesellschaftlichen Zusammenhalts als unvermeidba­
re Folge auszumalen. 
Ist nun Österreich durch die Qualität seiner Schulen, durch 
die duale Berufsbildung und die demographische Entwick­
lung gegen eine solche Langzeitarbeitslosigkeit Jugendlicher 
abgesichert? Wohl nur auf den ersten Blick. Stellt man hinge­
gen in Rechnung, daß im Schuljahr 89/90 in Wien der Anteil 
ausländischer Schüler an den Sonderschulen 30,7 Prozent, an 
den AHS aber nur 5 ,4 Prozent betrug, so ist zu befürchten, daß 
auch in Österreich eine wachsende Zahl von Jugendlichen ih­
re Schullaufbahn mit unterdurchschnittlichem Erfolg been­
den wird. Denn je nach der Zahl der Zuwanderer wird der An­
teil ausländischer Kinder an allen Wiener Pflichtschülern von 
derzeit unter 30 Prozent bis zu 44 Prozent im Jahre 2010 stei­
gen. Diese Schätzung stammt allerdings aus der Zeit vor den 
kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugosla­
wien, in deren Folge die Zahl ausländischer Schüler durch 
Kriegsflüchtlinge zusätzlich gewachsen ist und sich der Anteil 
in den Sonderschulen auf 40% erhöht hat. Gelingt es nicht, 
die Schulbildung der ausländischen Kinder an den Öster­
reichischen Standard heranzuführen, dann wird es um ihre 
Beschäftigungschancen einmal schlecht bestellt sein. Interna­
tionale Untersuchungen sind zu dem Ergebnis gekommen, daß 
die (Berufs-)Qualifikationen von ausländischen Ar bei tskräf­
ten in der zweiten Generation schlechter sind als in der ersten. 
Ein Schulbesuch ohne formellen Abschluß im Einwande­
rungsland stellt die schlechteste aller Voraussetzungen dar, 
während ein Schulabschluß im Herkunftsland ähnlich gute 
Chancen bietet wie ein Schulabschluß im Einwanderungs­
land. Nach allen Erfahrungen werden Ausländer konzentriert 
in einzelnen Wirtschaftsbereichen, an Arbeitsplätzen mit eher 
geringen Qualifikationsanforderungen beschäftigt. Eine Ab­
nahme dieser Konzentration war bisher nicht zu beobachten. 
Eine starke Zunahme solcher Arbeitsplätze niedriger Produk­
tivität verändert die Wirtschaftsstruktur in eine höchst uner­
wünschte Richtung und ist nicht anzustreben. Es spricht auch 
vieles dafür, daß die Aufnahmekapazität für nur wenig quali­
fizierte Arbeitskräfte in Niedriglohnbranchen nicht beliebig 
ausweitbar ist. Im Gegenteil, in Zukunft wird sie durch den 
absehbaren technischen Fortschritt und die Liberalisierung 
im Welthandel schrumpfen. Daher muß eine ausreichende, zu­
kunftsbezogene Schul- und Berufsbildung ausländischer Kin­
der und Jugendlicher weit stärker als bisher als gesellschaftli­
che Aufgabe in Angriff genommen werden. 
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