Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 1 8. Jahrgang (1 992), Heft 4 
Ostöffnung 
Zusätzlich zu den gewöhnlichen Unsicherheiten mittel- und 
langfristiger Überlegungen sind derzeit viele Unbekannte in 
Rechnung zu stellen, die aus der Weiterentwicklung der eu­
ropäischen Integration und den Folgen der Ostöffnung sowie 
den Wechselwirkungen zwischen beiden Prozessen resultie­
ren. Vieles ist in Fluß, das ist in Kürze die wahrscheinlich ehr­
lichste Zusammenfassung vieler Studien zu diesen Themen. 
Als Konsequenz der ungünstigen Konjunkturlage sind zur 
Zeit Befürchtungen häufiger zu hören als Hinweise auf Zu­
kunftschancen. 
Statt an einer toten Ostgrenze liegt Österreich nunmehr als 
attraktives Zentrum in Mitteleuropa und wird ab 1993 den 
Osten eines großen west-, süd- und nordeuropäischen Wirt­
schaftsraumes bilden. Es wird von einigen Experten behaup­
tet, daß sich die wirtschaftliche Dynamik in diesem Wirt­
schaftsraum schon jetzt von einer im Westen gelegenen, "ba­
nanenförmigen" Wachstumsregion nach Norden und Osten 
ausweitet. Die Einbeziehung der skandinavischen Länder 
werde diesen Trend verstärken. 
Da auch die deutsch-deutsche Integration nicht folgenlos 
bleiben wird, ist zu fragen, ob die europäische Integration mit 
der Ostöffnung nicht schon ihre Qualität geändert hat. Stimmt 
es noch, daß die Freizügigkeit der Arbeitskräfte im EWR kei­
ne wesentliche Veränderung der Wanderungsströme von und 
nach Österreich bringen wird? Oder sind mit der deutschen 
Wiedervereinigung und der in den neuen Bundesländern dra­
matisch steigenden Arbeitslosigkeit auch die traditionell gu­
ten Beschäftigungschancen für qualifizierte Österreichische 
Arbeitskräfte in Deutschland gesunken? Auszuschließen ist 
weiters nicht, daß trotz dem Fehlen etablierter Wanderungs­
brücken Arbeitskräfte aus dem Osten Deutschlands versu­
chen werden, in Österreich Arbeit zu finden. In den neuen 
deutschen Bundesländern wird erst 1993 der Beschäftigungs­
rückgang bei 1 ,2 Millionen Arbeitslosen gestoppt werden kön­
nen, und schon jetzt pendeln 380.000 Arbeitnehmer in den 
Westen. 
Aber auch in unseren östlichen Nachbarländern wird der 
Druck zur Arbeitsmigration in den nächsten Jahren kaum ge­
ringer werden. Denn so groß das Spektrum möglicher Zu­
kunftszenarien ist, Tatsache ist auch, daß 1991 die wirtschaft­
liche Situation in den früheren Ostblockländern schlechter 
war als 1990, und daß auch 1992 diese Abwärtsentwicklung 
noch nicht gestoppt werden konnte. 
In einem Konglomerat von kurz- und mittelfristigen, von 
politischen und wirtschaftlichen Bestimmungsfaktoren zeich-
422
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.