Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 
reich der nachsorgenden Umweltpoli­
tik nicht sonderlich sicher seien, gilt 
aber wohl nur langfristig. 
Es wird deutlich, daß die Struktur 
der durch Umweltschutz neu geschaf­
fenen Arbeitsplätze weder zeitlich 
noch örtlich noch qualitativ mit den 
durch Umweltschutz vernichteten Ar­
beitsplätzen übereinstimmt. Ebenso 
stellen die neu geschaffenen Arbeits­
plätze kaum eine Lösung für die Pro­
blemfelder im Bereich der Arbeitslo­
sigkeit dar. Die Vernichtung von Ar­
beitsplätzen bzw. die Verhinderung 
ihres Entstehens ist empirisch nach­
weisbar und beruht vor allem auf der 
Kostenwirkung des Umweltschutzes 
und dem sich daraus ergebenden Ra­
tionalisierungsdruck. Politisch be­
deutsam ist auch das Argument der 
Sichtbarkeit. Neu geschaffene Ar­
beitsplätze werden in der Öffentlich­
keit viel weniger deutlich wahrgenom­
men als die Vernichtung bestehender 
Arbeitsplätze. Insgesamt zeigt sich die 
Formel "Umweltschutz schafft Ar­
beitsplätze" als nur schwach empi­
risch untermauert. Immerhin kann sie 
ihre historische Hauptaufgabe erfül­
len, zumindest makroökonomisch ein 
Gegengewicht gegen die Formel "Um­
weltschutz vernichtet Arbeitsplätze" 
zu bieten. 
Nissen behandelt auf über hundert 
Seiten drei ausgesuchte Fallstudien. 
Dieser Teil liest sich außerordentlich 
spannend, ist mit einer Fülle von Hin­
tergrundinformationen angereichert 
und dürfte für Soziologen eine Fund­
grube sein. Das Verhalten der einzel­
nen Akteure wird facettenreich her­
ausgearbeitet. Hier sind auch einige 
Gustostücke zu finden, etwa wenn der 
Betriebsrat eines Chemiebetriebes von 
Gewerkschaftsmitgliedern kritisiert 
wird, er vertrete die Position der 
Firmenleitung, oder wenn im Zuge ei­
ner Betriebsansiedelung mit überhöh­
ten Arbeitslosenzahlen argumentiert 
Wirtschaft und Gesellschaft 
wird. Besonders interessant ist die 
dritte Fallstudie, die sich mit den Er­
eignissen rund um die Schließung der 
Zellstoffwerke Obir und St. Magdalen 
in Kärnten befaßt. 
Es entsteht der Eindruck, daß bei 
Zutreffen der obengenannten Konstel­
lation das "Vollzugsdefizit" bei der 
Implementierung von Umweltschutz 
quasi vorprogrammiert sei. Dies hat 
etwa in Österreich im Zusammenhang 
mit der Standortsuche für Deponien 
zu einer Veränderung der Kompeten­
zen zu Lasten der Gemeinden geführt. 
Es ist jedoch zu erwarten, daß in 
manchen Fällen (möglicherweise) be­
rechtigte regionale Interessen artiku­
liert werden, die (möglicherweise) zu 
einem Härtenausgleich führen. Natür­
lich steigt mit der Regionalisierung 
der Entscheidung der Wählerdruck 
ebenso wie die Macht der Unterneh­
men. Bis zu einem gewissen Grad kann 
man dies als Preis für eine "stand­
ortangepaßte" Entscheidung ansehen. 
Die Theorie der externen Effekte ist 
als Rahmen für das angesprochene 
Problem recht brauchbar. Unterneh­
mer, Arbeitnehmer und regionale Poli­
tiker müssen zeitlich und örtlich kon­
zentriert die Kosten (im weitesten 
Sinn) des Umweltschutzes tragen, 
während der Nutzen in aller Regel we­
sentlich großflächiger und über länge­
re Zeiträume verteilt ist. 
Das Kernproblem scheint jedoch 
nicht darin zu bestehen, daß sich 
Grenzgebiete noch eine Zeitlang über 
Wasser halten, oder daß überholte In­
dustriestrukturen noch einen weiteren 
Konjunkturzyklus überleben, sondern 
daß sich Großunternehmen Wettbe­
werbsvorteile mit Hilfe der Arbeitneh­
mer und der öffentlichen Meinung ver­
schaffen. Wie Nissen zeigt, ist nämlich 
die Drohung mit Arbeitskräfteabbau 
und Standortverlagerungen häufig ge­
nug inhaltsleer. 
Anton Steurer 
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