Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft der preußisch-Spenglerschen Art, führt Pribram auf das Vorherrschen (pseudo-)uni versalistischer, an tiindi­ vidualistischer Denkrichtungen zu­ rück, welche "durch Vertauschung des . . . fundamentalen Begriffs der Klasse mit dem nach derselben Methode ge­ bildeten Begriff der Nation von dem deutschen Volke die Erlösung der Welt durch Einführung einer sozialisti­ schen Wirtschaftsordnung" fordere (1 1) . - Später unterzog Pribram die handelspolitischen Autarkiebestre­ bungen und Programme, wie sie in der Weltwirtschaftskrise z. B. von Edgar Salin und Ferdinand Fried vertreten wurden, auf Basis seiner Unterschei­ dungen einer ideologiekritischen Be­ trachtung (12) . III. Der deutsche Titel "Geschichte des ökonomischen Denkens" bringt die grundlegende Intention des Werkes weit weniger gut zum Ausdruck als der amerikanische "History of Econo­ mic Reasoning" : Der zentrale Blick­ winkel ist hier ein anderer als in Schumpeters "History of Economic Analysis" . Während Schumpeter vor allem die Entwicklung der analyti­ schen Instrumente der Wirtschafts­ wissenschaft gleichermaßen in ihren großen Linien wie auch im Detail un­ tersuchte, bietet Pribrams Werk vor allem eine Darstellung der sozialphi­ losophischen und erkenntnistheoreti­ schen Wurzeln des ökonomischen Denkens. In diesem Sinne ist es kom­ plementär zur Geschichte der ökono­ mischen Analyse. Der nach der Hauptthese der Schrift von 1912 die Entwicklung des ökono­ mischen Denkens bestimmende polare Gegensatz von Universalismus (beider Spielarten) und Nominalismus bildet auch das Hauptthema von Pribrams dogmengeschichtlichen Untersuchun­ gen. Wahrscheinlich zum Zweck der wirkungsvollen Entfaltung dieser Dia­ lektik läßt Pribram seine Darstellung 600 1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 der Geschichte des ökonomischen Denkens nicht mit Aristoteles begin­ nen, sondern mit der Wirtschaftslehre der mittelalterlichen Moraltheologie des Thomas von Aquino. An der tho­ mistischen Wert- und Preislehre las­ sen sich der Charakter des universali­ stischen Denkansatzes wie auch die Implikationen für die Sache selbst ein­ drucksvoll demonstrieren, und ebenso die Konsequenzen der Infragestellung des Universalismus durch Ockham und andere Theologen, die schon früh Nützlichkeit und Knappheit als Be­ stimmungsfaktor des Preises von Gü­ tern anerkannten. Von dieser Ent­ wicklung des ökonomischen Denkens im Mittelalter abstrahiert Pribram sei­ ne Grundthese, daß es die Wandlungen des grundlegenden erkenntnistheore­ tischen Ansatzes sind, welche die Ent­ wicklung und - obwohl dies weniger eindeutig ist - im wesentlichen auch den Fortschritt des ökonomischen Denkens bestimmen. Mit dem Triumph der anglo-ameri­ kanischen Ökonomie und dem von ihr praktizierten Typus des "hypotheti­ schen Denkens" in der Gesamtheit der westlichen Industrieländer nach 1945 sieht Pribram diese Polarität der Ent­ wicklung, wie sie etwa im Gegensatz der deutschen historischen Schule zur Marshallsehen Neoklassik bzw. zur Österreichischen und zur Lausanner Schule zum Ausdruck gekommen war, an ihrem Ende angekommen. Ein neu­ er Gegenpol ist dem westlichen, indi­ vidualistischen Wirtschaftssystem in den " sozialistischen" , auf der dialekti­ sehen Lehre beruhenden Ökonomien erwachsen. Pribrams Werk verfolgt al­ lerdings noch andere Aspekte der Theorieentwicklung: die Bedeutung einzelner grundlegender Kategorien wie z. B. des Gleichgewichtskonzeptes, der verschiedenen Kausalitätsbegriffe; der Frage, inwieweit die Entwicklung der ökonomischen Theorie als Reakti­ on auf jeweils aktuelle Problemstel­ lungen begreifbar ist oder sich unab­ hängig davon vollzog, u. a.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.