Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 Wenn die Grundthese Pribrams hin­ sichtlich der Entstehung eines selb­ ständigen ökonomischen Denkens so­ wohl in der realen Welt als auch zum Zweck der Analyse der Vorgänge in der realen Welt einige Erklärungkraft für sich beanspruchen kann, so er­ scheint sie in ihrem "Universalan­ spruch" für die spätere Entwicklung als überzogen und nicht überzeugend. Ein Großteil der Ökonomen, die fest auf individualistischem Boden stan­ den, ist in erkenntnistheoretischer Hinsicht irgendwelchen Spielarten des Rationalismus oder auch des Idealis­ mus zuzuordnen - nicht selten, ohne sich dessen klar bewußt zu sein. Ihre wesentlichen Einsichten sind gegen­ über der erkenntnistheoretischen Grundproblematik neutral, der er­ kenntnistheoretische Standpunkt des Autors ist daher nicht von ausschlag­ gebender Bedeutung. Ob etwa die Ko­ stenwertlehre oder die Nutzenwert­ lehre richtig ist, hat nichts mit ihrer faktischen oder logischen Veranke­ rung im hypothetischen oder im uni­ Versalistischen Denken zu tun. Es hat den Anschein, daß Pribram selbst nicht mehr zu hundert Prozent von seiner Grundthese überzeugt war, wenn er schreibt, daß "das gleichzeiti­ ge Auftreten des Gedankens, daß der Ursprung aller ökonomischen Werte . . . in individuellen Schätzungen der Wichtigkeit einzelner Güter zu suchen ist" , sich "wahrscheinlich" dem "Ver­ zicht auf den Substanzbegriff" der Scholastik verdankt (S. 1 128) - sonst hätte er es wohl apodiktischer formu­ liert. Solche Zweifel mögen auch ein Grund dafür gewesen sein, warum der Autor das Werk nicht selbst fertigge­ stellt und publiziert hat. Wenn man Pribrams Grundthese nicht zu folgen gewillt ist, so erschließt sein Ansatz andererseits doch eine Perspektive durch die Entwicklung des ökonomischen Denkens, die in den anderen Werken der Dogmengeschich­ te nur am Rande vorkommt und für die man daher sonst auf Spezialliteratur Wirtschaft und Gesellschaft meist älteren Datums angewiesen ist. Er bewährt sich nicht nur bei der Dar­ stellung der Emanzipation ökonomi­ schen Denkens von scholastischen Ka­ tegorien, sondern z. B. auch bei der Kritik "organizistischer" Strömungen, die v. a. in Deutschland im 19 . und in der ersten Hälfte des 20 . Jahrhunderts stark verbreitet waren. Hier zeigt Pribram die Überlegen­ heit der Theorien, die vom Ansatz her von einem als homo oeconomicus ge­ dachten Individuum ausgehen, im Vergleich zu denjenigen, die von Ganzheiten wie Volk und Staat mit unklaren "induktiven" Methoden ihre Theoreme abzuleiten versuchten. Aus­ führlich geht das Buch auch auf die grundlegenden Debatten über den Sinngehalt ökonomischer Theorien ein, wie sie noch in der Zwischen­ kriegszeit intensiv geführt wurden (S. 771 ff.) - seither hat diese Art der Selbstreflexion ökonomischen Den­ kens fast nur mehr Spezialisten be­ schäftigt. Und nicht zuletzt liegt der Gewinn aus der Lektüre des Buches darin, daß es darin viele Werke der ökonomischen Primär- und Sekundär­ literatur, die in Vergessenheit geraten sind, wiederzuentdecken gibt. Trotz der Einseitigkeit seiner Grundthese ist Karl Pribrams Geschichte des ökono­ mischen Denkens als Darstellung von dessen sozialphilosophischen und er­ kenntnistheoretischen Bezügen ein eindrucksvolles Werk und dürfte auch auf absehbare Zeit das einzige auf sei­ nem Gebiet bleiben. Günther Chaloupek Anmerkungen (1) Eine ausführliche Biographie Karl Pribrams, verfaßt von Edith Pribram, findet sich in der amerikanischen Ori­ ginalausgabe des Buches, S. xix-li. (2) Pribram (1907). Dem ersten Band soll­ te laut Ankündigung im Vorwort ein zweiter folgen, der die Zeit vom Be­ ginn des 19 . Jahrhunderts bis zur Ein- 601

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