Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 
Häufig vernachlässigt werden die speziellen Probleme, die im Zusam­
menhang mit der Lohnsetzung im öffentlichen Sektor auftreten, der in 
allen Industriestaaten einen wesentlichen Teil des geschützten Sektors 
bildet. Besteht auch im öffentlichen Sektor der oben dargelegte Zusam­
menhang zwischen Zentralisierung und Reallohn in Gestalt eines umge­
kehrten "U"? Das Hauptproblem bildet die in hohem Maße inelastische 
Arbeitskräftenachfrage. Die Hoffnung auf den lohndämpfenden Effekt 
des Wettbewerbs bei dezentraler Lohnsetzung erweist sich somit als trü­
gerisch, denn Konkurrenz mit privaten Produzenten besteht nur sehr 
selten. 
Aber auch die Zentralisierung der Lohnsetzung im öffentlichen Sektor 
ist problematisch. Der Arbeitgeberwiderstand gegen Lohnerhöhungen 
ist schwach, da sich die Kosten der Lohnerhöhungen auf die gegenwär­
tigen und zukünftigen Steuerzahler verteilen, während sich der Nutzen 
derselben auf eine gut organisierte Arbeitnehmergruppe, die zudem ei­
nen erheblichen Teil der Wählerschaft ausmacht, konzentriert (4). Versu­
che, Obergrenzen für die Lohn- und Gehaltssumme festzulegen, um auf 
diese Weise einen " trade-off" zwischen Lohnerhöhung und Beschäfti­
gung zu erzeugen, fehlt es an Glaubwürdigkeit, da hohe Lohnzuwächse 
politisch nicht hinnehmbare Kürzungen sensibler öffentlicher Leistun­
gen nach sich zögen. 
Sofern Streiks die Konsequenz der zwischen Unternehmungen und 
Betriebsgewerkschaften bestehenden informationellen Asymmetrien 
sind, läßt sich den bisherigen Argumenten zugunsten der Zentralisie­
rung der Lohnsetzung ein weiteres hinzufügen. Auf nationaler Ebene 
existieren derartige Asymmetrien nicht. Die für die Lohnverhandlungen 
wesentlichen Kennzahlen sind beiden Seiten bekannt, wodurch Streiks 
bei zentralisierter Verhandlungsführung wesentlich seltener auftreten 
als bei Dezentralisierung. 
Nicht nur in der skandinavischen, sondern auch in der Österreichi­
schen Diskussion spielen die Auswirkungen unterschiedlicher Zentrali­
sierung der Lohnverhandlungen auf den Strukturwandel eine wesentli­
che Rolle. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Ausmaß der 
vertikalen Zentralisierung einerseits und dem Produktivitätswachstum 
andererseits, welches durch den Neueintritt moderner, hochproduktiver 
und das Ausscheiden veralteter, wenig produktiver Betriebe erfolgt? 
Bei zentralisierten Lohnverhandlungen orientiert sich der Lohnan­
stieg an der Zunahme der durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen 
Arbeitsproduktivität, bei Verhandlungen auf Betriebsebene hängt er von 
der jeweiligen betrieblichen Produktivitätsentwicklung ab. Daraus 
folgt, daß der Lohnzuwachs in modernen, hochproduktiven Betrieben 
bei dezentralen Verhandlungen höher ausfällt als bei zentralen, in alten, 
wenig produktiven Betrieben die Löhne aber im Falle zentralisierter 
Verhandlungen stärker steigen als bei Dezentralisierung. Mit anderen 
Worten, bei Lohnsetzung auf der Betriebsebene sind Investitionen in 
neue Anlagen und Ausrüstungen weniger profitabel als im Falle zentra­
ler Verhandlungen. Letztere hingegen verkürzen die durchschnittliche 
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