Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

21.  Jahrgang (1 995), Heft 1 
wohl einmal realisiere oder durch den 
Westen genutzt werde, geht er nicht 
ein. 
Ab Mitte der achtziger Jahre konsta­
tiert Parnreiter eine neue Phase. Alls­
länderbeschäftigung und Arbeitslosig­
keit hatten sich bis dahin gegenläufig 
entwickelt. Nun begannen sie gemein­
sam zu steigen, und zwar praktisch un­
abhängig vom Wirtschaftswachstum. 
Diese Entwicklung setzte also nicht 
erst 1990 ein, und sie hat auch seither 
nicht aufgehört. Seine These lautet, die 
Österreichischen Unternehmer hätten 
auf den zunehmenden internationalen 
Konkurrenzdruck vor allem mit einer 
Verschlechterung der Arbeitsbedin­
gungen (im Verhältnis zu den Löhnen) 
statt mit Rationalisierung und Interna­
tionalisierung reagiert, so daß inländi­
sche Arbeitslose zunehmend nicht 
mehr absorbiert werden konnten. Da­
ten, mit denen die These erhärtet wer­
den könnte, liegen in Österreich kaum 
vor. Auch Parnreiter muß sich mit In­
dizien betreffend die zunehmende Po­
larisierung der Branchen nach Qualifi­
kationen und die zunehmenden Lohn­
unterschiede begnügen. 
Die Stärke der beiden Kapitel ist 
nicht, daß sie irgendetwas Neues zu­
tage brächten, sondern daß sie in gut 
lesbarer Manier die verfügbaren Infor­
mationen aus einer doch relativ brei­
ten und oft schlecht zugänglichen Li­
teratur sammeln und sinnvoll aufbe­
reiten. Von da her gesehen sind sie 
empfehlenswerter Lesestoff für alle, 
die als Studenten oder anderswie an 
einem Einstieg in die knapp 35jährige 
Geschichte der Arbeitsemigration 
nach Österreich interessiert sind. Die 
Abschnitte über die Mobilisierung der 
Arbeitsmigranten für Abwanderung 
und über die wirtschaftlichen, sozia­
len und politischen Bedingungen in 
den Abwanderungsländern sind viel­
leicht die besondere Stärke des Buchs. 
Parnreiter gelingt es, eine gerade in 
der Österreichischen Migrationsdis­
kussion gern gepflegte Primitivität zu 
überwinden, nämlich daß Arbeitsmi-
Wirtschaft und Gesellschaft 
granten einfach kämen und das Pro­
blem nur in der Integration bzw. der 
Abwehr bestehe. Er zeigt dagegen, daß 
es besonderer Bedingungen und ge­
zielter Aktionen bedurfte, um die Aus­
wanderung aus Jugoslawien und der 
Türkei in Bewegung zu setzen. 
Liest man nur die letzten beiden Ka­
pitel, dann wundert man sich viel­
leicht, weshalb der Autor, anstatt ohne 
Umschweife mit der Darstellung der 
Zeitgeschichte fortzufahren, stellen­
weise den unhandlichen Jargon aus 
Wallensteins "Weltsystemtheorie" be­
müht, um Sätze und Nebensätze ohne 
Informationsgehalt im Text unterzu­
bringen. Es sind dies die Anknüp­
fungspunkte an die ersten drei Kapi­
tel. In diesen hatte er versucht, im vor­
hinein einen erklärenden Rahmen für 
die beiden letzten Kapitel aufzubauen. 
Man darf weder dem Autor noch dem 
Verlag Absicht unterstellen, doch läuft 
diese Taktik auf nichts als den Ver­
such hinaus, den Leser präventiv auf 
die Überzeugungen des Autors einzu­
schwören. Normalerweise müßte zu­
erst das Material präsentiert werden, 
dann müßten argumentativ Hypothe­
sen eingeführt und schließlich deren 
pro und contra im Text diskutiert wer­
den. Wenn zuerst die Interpretation 
gebracht wird und dann die Daten, ob­
wohl gar nicht daran gedacht ist, die 
Interpretation empirisch zu testen, ist 
ein diskutierendes Abwägen nicht 
möglich. Ein solches Vorgehen ge­
mahnt an Scholastik, doch steckt oft 
nur Unsicherheit dahinter. 
Aus der Anordnung der Kapitel ist 
wohl abzuleiten, daß Parnreiter die er­
sten drei wichtiger waren als die letz­
ten beiden. Wir kommen daher nicht 
umhin, sie genauer zu betrachten. Im 
ersten Kapitel schlüpft er in die Maske 
eines Weltsystemanalytikers nach der 
Art Wallensteins, um einen Satz von 
drei Argumenten über die Ursachen 
von Arbeitsmigration darzustellen. Er 
behauptet folgendes: 
1 .  Für ihre Existenz hänge kapitalisti­
sche Akkumulation von der in den 
195
        

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