Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Haushalten geleisteten, aber nicht 
entlohnten Arbeit ab. Kapitalismus 
sei, mit anderen Worten, abhängig 
davon, daß zumindest ein Teil der 
Haushalte immer nur teilproletari­
siert sei. 
2. Denjenigen Mitgliedern solcher 
Haushalte, die sich als Lohnarbeiter 
verdingen, müßten die Arbeitgeber 
immer nur relativ geringe Löhne 
zahlen. Das deshalb, weil die betref­
fenden Lohnarbeiter für ihren Le­
bensunterhalt nur bedingt vom 
Lohn abhängig seien. Sie könnten 
sich zum Teil, zumindest zeitweise, 
von der selbständigen landwirt­
schaftlichen, handwerklichen oder 
händlerischen Arbeit anderer Haus­
haltsmitglieder ernähren oder selbst 
in solche Tätigkeiten ausweichen. 
Daher fehle ihnen auch die Motiva­
tion, für höhere Löhne zu kämpfen. 
3. Da sich Haushalte nur unter sehr 
besonderen Bedingungen für mehr 
als ein oder zwei Generationen als 
halbproletarisch erhalten, sei es für 
den Fortgang der Akkumulation 
nötig, immer neue Haushalte in im­
mer entlegeneren Gebieten zu halb­
proletarisieren. Arbeitsmigration 
sei dazu ein geeignetes Mittel und 
aus diesem Grund unabänderlicher 
Bestandteil kapitalistischen Wirt­
schaftens. 
Das erste der drei Argumente ist ab­
surd. Profit entsteht auch und gerade 
dann, wenn alle Inputs zu ihrem vollen 
Wert bezahlt werden, auch die Ware 
Arbeitskraft. Erst vollständige Prole­
tarisierung schafft jene Abhängigkeit 
vom Lohn, die es Unternehmen ermög­
licht, höhere Produktivität zu er­
zwingen. Tayloristische Arbeitspro­
zesse z. B. entstanden nicht zufällig, 
sondern genau dann und dort, wo die 
Proletarisierung bis zur Unumkehr­
barkeit fortgeschritten war. Angehö­
rige teilproletarisierter Haushalte 
kämpfen nicht nur nicht um höhere 
Löhne, sondern sind auch nur schwer 
zu höchster Produktivität zu bewegen. 
Sie tendieren dazu, unverläßlich zu 
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21 .  Jahrgang (1995), Heft 1 
sein und erhöhten Leistungsanforde­
rungen durch Rückzug zu entgehen. 
Wo immer es für Unternehmen nötig 
war, in agrarisch geprägten Gesell­
schaften zu produzieren, taten sie das 
aus eben diesem Grund früher oder 
später mit möglichst wenig Arbeits­
kräften und stark erhöhten Löhnen, 
um sich Stabilität der Belegschaft zu 
erkaufen. Profite beruhen auf Dauer 
nämlich darauf, den Produktionspro­
zeß zu revolutionieren, nicht auf 
Lohndrückerei. Der deutschen Auto­
industrie beispielsweise ist mit einem 
vier- oder fünfprozentigen Lohnver­
zicht wenig geholfen, wenn qualitativ 
hochwertige Fahrzeuge in Japan um 
30 oder 40 Prozent billiger produziert 
werden können. Der einzige Ausweg 
ist, den Output pro Arbeiterstunde zu 
steigern, und das geht nur mit Hilfe 
organisatorischer und technischer In­
novation. 
Daß Haushalte sich auf vollständige 
Proletarisierung einlassen, auf ihren 
Äckern Häuser errichten und die Gär­
ten in Rasen verwandeln, und das 
selbst dort, wo die hauptsächliche In­
dustrie eine Niedriglohnbranche ist 
(wie z. B. in Vorarlberg), belegt hin­
länglich, daß die Löhne keiner Sub­
vention bedürfen. Das gilt auch und 
gerade für Arbeitsmigranten. In einem 
Teil der Fälle beginnen sie ihre Migra­
tionskarriere mit der Absicht, in kur­
zer Zeit genug Geld zu verdienen, um 
den Haushalt am Herkunftsort zu ei­
ner wirtschaftlich bestandsfähigen 
Einheit zu machen. Sie beabsichtigen 
also, den Haushalt durch Lohnein­
kommen zu subventionieren, nicht an­
ders herum. In dem Maß aber, wie 
Haushalte zu dieser Taktik greifen, 
steigen die Preise jener Güter, die sie 
nachfragen, um der Lohnarbeit wieder 
entkommen zu können. Folglich rei­
chen die Löhne immer weniger aus, 
um das gesteckte Ziel zu erreichen. 
Manche Haushalte schaffen es, die 
große Mehrzahl aber nicht. Das Ergeb­
nis ist daher ein Differenzierungspro­
zeß. Einigen wenigen Haushalten ge-
        

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