Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

21. Jahrgang (1 995), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft 
Editorial 
Nach den Wahlen 
I.  
Das Jahr 1994 stand in Österreich wirtschaftlich im Zeichen 
des Konjunkturaufschwungs, der im Vergleich zum europäi­
schen Durchschnitt überdurchschnittlich kräftig ausgefallen 
sein dürfte. Nach aktuellen Daten war das Wachstum 1994 
stärker als im europäischen OECD-Durchschnitt, die Arbeits­
loseurate ist mit Ausnahme von Luxemburg die niedrigste in 
Europa - insgesamt objektiv also alles andere als eine Krisen­
situation, und auch die subjektiven Stimmungsindikatoren 
wiesen 1994 wieder nach oben. 
Auch in politischer Hinsicht hat das Jahr 1994 mehr aufzu­
weisen als so viele Jahre davor: war es doch im wahrsten Sin­
ne des Wortes ein "Jahr des Durchbruches" ,  in dem Österreich 
sein seit längerem verfolgtes wichtigstes Anliegen als Staat, 
nämlich den Vollbeitritt zur Europäischen Union, endlich ver­
wirklichen konnte. 
Meist ziehen die Regierungen aus Erfolgen und günstigen 
Entwicklungen dieser oder ähnlicher Art Nutzen. Ein aktuel­
les Beispiel für diesen Zusammenhang ist Deutschland, wo die 
regierende christlichsozial-liberale Koalition in den Wahlen 
1994 zwar Federn lassen mußte, aber dennoch die zwi­
schenzeitliehen Tiefstände bei Meinungsumfragen weit hi?ter 
sich lassen und ihre Mehrheit neuerlich behaupten konnte. In 
Österreich gingen 1994 die Uhren allerdings anders. Die seit 
1987 regierende Koalition von SPÖ und ÖVP erlitt bei den Na­
tionalratswahlen eine schwere Niederlage, und seit dem 9 .  
Oktober 1994 hat sich die politische Landschaft wahrschein­
lich mehr verändert als in vielen Jahren davor. Es wäre viel zu 
billig, die Niederlage dem Unverstand und/oder Undank der 
Wähler zuzuschreiben, denn dafür ist ein viel zu großer Teil 
daran selbstgemacht. Im folgenden soll aber nicht von der 
Österreichischen Politik allgemein die Rede sein, sondern von 
den Vorgängen und Ereignissen im Bereich der Wirtschaftspo­
litik, welche freilich auch im Zentrum der politischen Ausein­
andersetzungen standen. 
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