Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1996 Heft 3 (3)

22. Jahrgang (1996), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
ren. Vor allem bestehe für die Produktivität in der Urproduktion, welche 
Sambart als die wichtigste Bestimmungsgröße der Gesamtproduktivität 
erachtete, keinerlei Aussicht auf weitere Steigerung, da kein neues Land 
mehr in Bebauung genommen werden könne wie im 19 .  Jahrhundert in 
den neuen Erdteilen. In ihrem eigenen Industrialisierungsprozeß würden 
die neukapitalistischen Länder einen größeren Teil ihrer Urproduktion 
für sich selbst verwenden und daher auch ihre Abhängigkeit von Indu­
striewarenimporten aus Europa reduzieren. Folglich wäre Europa ge­
zwungen, seine landwirtschaftliche Basis auszudehnen, und die sinken­
de Tendenz des Anteils des landwirtschaftlichen Sektors würde sich 
umkehren: Sambart erwartete eine "Reagrarisierung" und damit auch 
einen Trend zu zunehmender Autarkie der Volkswirtschaften. Ein stei­
gender Anteil der Landwirtschaft hatte für Sambart auch weitreichende 
Konsequenzen für den von ihm sogenannten "Bereichswandel" .  
Unter den dem "Gestaltswandel" zugerechneten Entwicklungsten­
denzen im Spätkapitalismus ist die Konzentration des Kapitals, d. h. die 
zunehmende Monopolisierung von Produktion und Märkten, die wich­
tigste. Sambart war der Ansicht, daß die Monopolisierung für sich ge­
nommen keine nachteiligen Auswirkungen auf das wirtschaftliche 
Wachstum hat, sondern als Mittel dazu gesehen werden muß, die Pro­
duktion im höchstmöglichen Ausmaß zu rationalisieren. Aber auf lange 
Sicht bewirkt die Monopolisierung eine Änderung im Verhalten der 
wirtschaftlichen Akteure, in dem Maße, in welchem sich das Potential 
der Rationalisierung erschöpft und die Verwaltung gegenüber der Er­
neuerung und technischen Perfektionierung die Oberhand gewinnt. Wo 
immer dies geschieht, tritt das Versorgungsprinzip an die Stelle des Er­
werbsprinzipes, also die Güterproduktion erfolgt nicht um des Profites 
willen, sondern zur Deckung der Bedürfnisse der Bevölkerung, welche 
prinzipiell keiner Veränderung unterliegen (5). Wenn der Unternehmeri­
sche Drang zu Innovation, Abenteuer und Eroberung nach und nach ab­
nimmt, werden Angriffs- und Konkurrenzgeist zunehmend ersetzt durch 
die Vervollkommnung organisatorischer Vorkehrungen zur Ausschal­
tung von Risken, zur Planung und Steuerung der Produktion und zur 
Glättung der Fluktuationen des Wirtschaftslebens. Sambart betrachtete 
diese Tendenzen nicht als bloße Folgeerscheinungen von veränderten 
wirtschaftlichen Strukturen, sondern als das Ergebnis einer inneren Lo­
gik der Entwicklung des kapitalistischen Geistes , die er durch einen Ge­
gensatz von "Geist" und "Seele" geprägt sieht. "Geist nenne ich in die­
sem Zusammenhang alles Immaterielle, das nicht Seele ist. Geist hat ein 
selbständiges Dasein, ohne lebendig zu sein. Seele ist immer lebensge­
bunden, als Menschenseele immer personengebunden, Vergeistung ist 
die Hinbewegung vom Seelischen zum Geistigen, ist Herausstellung, Ob­
jektivierung seelischer Vorgänge, ;versachlichung' . . . .  Das Problem, um 
das es sich in Wirklichkeit handelt, ist der große sehr allgemeine Vorgang 
unserer Zeit, den wir auch bei der Gestaltung der Betriebe beobachten: 
der Entseelung und Vergeistung. Das und wie der Betrieb sich wandelt 
aus einer Gemeinschaft lebendiger, durch persönliche Beziehungen an-
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