Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1996 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 22. Jahrgang (1996), Heft 3 
wa was die nationale Selbstversorgung mit landwirtschaftlicher Pro­
duktion betrifft. Als Thema der Wirtschaftspolitik wurde die landwirt­
schaftliche Autarkie in den zwanziger Jahren nicht das erste Mal disku­
tiert. Zumindest in Deutschland hatte dreißig Jahre vorher eine ähnliche 
Debatte stattgefunden, als mehrere prominente Ökonomen - unter ihnen 
Adolph Wagner - protektionistische Schutzmaßnahmen zur Stimulie­
rung der landwirtschaftlichen Produktion in Deutschland befürwortet 
hatten; teils aus militärstrategischen Gründen, aber auch wegen eines 
angeblich drohenden Verlustes von Absatzmärkten für industrielle Ex­
porte, welche als Folge der Industrialisierung in den landwirtschaftli­
chen Überschußgebieten eintreten würde (13) .  Dies war auch Werner 
Sambarts Hauptargument. 
In den dreißiger Jahren begannen jene europäischen Länder, welche es 
nicht schon vorher getan hatten, mit einer Politik der landwirtschaftli­
chen Autarkie, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Fortsetzung fand. 
Als Folge davon sind europäische Importe von landwirtschaftlichen Pro­
dukten aus Überseeländern, welche bis in die Zwischenkriegszeit einen 
bedeutenden Teil des internationalen Warenhandels ausgemacht hatten, 
auf eine vernachlässigbare Größenordnung zurückgegangen - ungeachtet 
der Tatsache, daß diese Agrarexporte auch heute noch eine heikle Frage 
der internationalen Handelspolitik darstellen. In dem letzterwähnten 
Sinne jedoch wurde Sambarts Position erstaunlicherweise bestätigt, 
wenngleich die Gründe für die Entwicklung zur Autarkie ganz andere 
waren, als die von ihm vorhergesehenen; nämlich nicht die Substitution 
der Importe von Industriewaren in der Neuen Welt, sondern im Gegenteil, 
die Substitution von landwirtschaftlichen Importen in Europa durch ei­
gene Produktion. Während Sombart erwartete, daß das Schrumpfen des 
Industriewarenexportes in die Neue Welt zur Stagnation in Europa 
führen würde, waren es Länder wie Argentinien und Neuseeland, welche 
der Stagnation anheim fielen, weil sie ihr Fleisch, ihre Milchprodukte 
und ihr Getreide nicht mehr nach Europa ausführen konnten. 
Sombart sah eine zunehmende Knappheit landwirtschaftlicher Pro­
dukte im Weltmaßstab zu einer Zeit voraus, als andere Ökonomen die 
fallenden Preise für die Nahrungsmittel und Agrarprodukte auf einen 
beschleunigten technischen Fortschritt in der landwirtschaftlichen Pro­
duktion zurückführten. Die Autarkiepolitik der Nachkriegszeit begün­
stigte die Anwendung immer produktiverer Methoden in der europäi­
schen Landwirtschaft und trug so nicht unwesentlich zum Wirtschafts­
wachstum zumindest der ersten Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg 
bei. Gleichzeitig wurde eine frühere Quelle wirtschaftlicher Instabilität 
eliminiert, indem die Produktion und das Einkommen der europäischen 
Bauern nunmehr stetig und zügig anstieg. In diesem Sinne wenigstens 
hatte Sombart recht, wenn er der Meinung war, daß Landwirtschaft 
wichtig sei (14), aber die Gründe, warum sie wichtig war, sah er sicher­
lich nicht richtig. 
Man könnte Sombart einen Vertreter physiokratischer Doktrinen nen­
nen, war er doch überzeugt, daß "die Produktivität der Arbeit im we-
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