Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 24. Jahrgang ( 1 998),  Heft 4 
die der klassischen Argumentation zugrundeliegende Annahme einer stei­
genden Grenzsparneigung tatsächlich so in der Wirkl ichkeit wiedergefun­
den werden kann .  Ray (1 998) schlägt etwa aufgrund von sti l isierter Evi­
denz eine Sparfunktion vor, die eine "S"-förmige Gestalt besitzt: Ärmere 
Haushalte, deren Einkommen nahe beim Subsistenzniveau l iegt, werden 
gar n ichts sparen und d ieses Verhalten auch bei Einkommenserhöhung 
nicht stark verändern .  ln der zukunftsorientierten und leistungsbewußten 
Mittelklasse findet man dagegen eine höhere und ansteigende Grenz­
sparneigung, die aber für die reiche Oberschicht wieder abnimmt, welche 
verstärkt Statusgüterkäufe tätigt und Konsumwettläufe veranstaltet (63) .  
I nsofern also Umverteilung die Einkommen der sparfreudigen Mittel­
schicht erhöht, wird sich d iese auch in höheren Wachstumsraten n ieder­
schlagen. 
Knel l  (1 998) entwickelt einen ähnl ichen Zusammenhang , nur daß dort 
das Sparverhalten einer Schicht auch dadurch beeinflußt wird ,  wie weit 
sich ihr Konsumniveau vom gesamtgesellschaftl ichen Konsumstandard 
bzw. dem Standard ihrer Referenzgruppe unterscheidet. Orientieren sich 
d ie ärmeren Haushalte etwa an den allgemein herrschenden Konsumvor­
stellungen bzw. vergleichen sie ihre Situation sogar vorrangig mit derjeni­
gen von Personen, die sich in der Einkommenshierarchie über ihnen be­
finden (64 ), so hat eine Zunahme der Einkommensverteilung eine Verrin­
gerung der aggregierten Sparquote zur Folge. Das Sparvolumen der är­
meren Schichten,  die ihren angestammten Lebensstandard beibehalten 
wollen, geht stärker zurück als sich das Sparvolumen der reichen Haushal­
te erhöht. Man kann davon ausgehen ,  daß solche Konsumexternal itäten 
und interdependenten Verhaltensweisen im allgemeinen mit zunehmen­
dem Wohlstand ansteigen werden, solche Kanäle also für entwickelte 
Länder an Bedeutung gewinnen könnten .  
4.  Ausblick 
Im  zweiten Teil d ieses Artikels haben wir empirische Untersuchungen 
referiert, d ie aufzeigen, daß die Lohnungleichheit und pari passu auch die 
Einkommensungleichheit in den meisten OECD-Staaten über die letzten 
zehn bis fünfzehn Jahre teilweise erheblich zunahmen. Man muß sich nun 
fragen,  inwieweit d ieser Umstand - in Anbetracht der Diskussion des vor­
angegangenen Kapitels - negative Konsequenzen für die langfristige öko­
nomische Entwicklung industrialisierter Staaten haben könnte. Die vor­
handenen Daten weisen jedenfalls n icht darauf h in ,  daß der negative Zu­
sammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum im Zuge der ökono­
mischen Entwicklung kleiner wird oder gar verschwindet (vgl .  Abschnitt 
2.2). Es gi lt also zu untersuchen, welche der vorgestellten Kanäle n icht nur 
für ärmere Länder bedeutsam sind, sondern auch für reichere Staaten 
wichtig bleiben oder sogar an Einfluß gewinnen könnten .  
Für  d ie  Wichtigkeit des polit-ökonomischen Ansatzes konnte in d iversen 
empirischen Studien kein Anhaltspunkt gefunden werden, weshalb er uns 
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