Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2000 Heft 3 (3)

26. Jahrgang (2000), Heft 3 
nominelle Daten, reale Vergleiche fehlen. 
Wie rasch eigentlich die engl ische Wirt­
schaft in dieser Zeit gewachsen ist, er­
fährt der Leser -obwohl ja Studien dar­
über existieren - nie. Es gibt auch kei­
nen statistischen Anhang. Man kann 
sich daher nur ein recht vages Bild über 
die makroökonomischen Relationen ma­
chen. 
Dabei l ießen sich selbst aus diesen 
rudimentären Daten einige recht interes­
sante Schlußfolgerungen über das ei­
gentliche Thema, den kausalen Zusam­
menhang zwischen den Kriegen dieser 
Zeit und dem engl ischen Wirtschafts­
wachstum ziehen: Da England von un­
mittelbaren Kampfhandlungen nicht be­
troffen war, bestand das Hauptproblem 
der englischen Wirtschaft offenbar in der 
periodischen Reallokation von Ressour­
cen, in der periodischen Verschiebung 
vom privaten zum öffentlichen Konsum. 
Angesichts des Staatsausgabenvolu­
mens von wenig mehr als 1 0% des BIP 
kann dieser Prozeß die Wirtschaft nicht 
dramatisch belastet haben.  Anderer­
seits bedeutet der hohe Anteil von kredit­
finanzierten Staatsausgaben,  daß man 
für die meiste Zeit der Untersuchungspe­
riode von einer expansiven Fiskalpolitik 
sprechen kann,  die immerhin das Aus­
maß von einigen Prozent des BIP er­
reicht haben muß. Diese grobe Betrach­
tung vermittelt daher tatsächl ich den 
Eindruck, diese kriegerische Epoche 
habe das Wirtschaftswachstum Eng­
lands beschleunigt. 
Ob sie die Industrialisierung des Lan­
des vorangetrieben hat, muß wohl offen 
bleiben. Der Einfluß auf den techni­
schen Fortschritt wird gering veran­
schlagt, allerdings betont Bowen, daß 
Wirtschaft und Gesellschaft 
sich sowohl die Verwaltung erheblich 
verbessert habe ebenso wie das Funktio­
nieren des Kapitalmarktes; daß also je­
ner Prozeß vorangetrieben worden sei, 
der allgemein als Ursache für das Ent­
stehen der modernen europäischen 
Staaten betrachtet wird. 
Freilich gelten diese Überlegungen nur 
für die spezifische Position Großbritan­
niens, also eines vom Meer geschützten 
Landes, das von keinen unmittelbaren 
Kampfhandlungen betroffen war, dessen 
Wirtschaft bereits eine Stärke erreicht 
hatte, die es erlaubte, die Belastungen 
des Krieges zu tragen, ohne daß es häu­
fig zu absoluten Knappheiten kam oder 
das Geldwesen zusammenbrach,  die 
privaten Investoren unter crowding out lit­
ten ,  und alle diese Faktoren die Erwar­
tungen der Unternehmer dämpften. 
Letzteres scheint vor allem in Öster­
reich der Fal l  gewesen zu sein .  Einige 
Anhaltspunkte weisen darauf hin, daß 
sich die Österreichische Wirtschaft im 
Merkanti l ismus sehr zügig entwickelt 
hatte, daß aber vor allem die Napoleoni­
schen Kriege eine derartige Belastung 
darstel lten ,  daß zwar der lndustrialisie­
rungsprozeß im heutigen Bundesgebiet 
nicht später als in anderen zentraleuro­
päischen Regionen einsetzte, aber doch 
relativ schwächlich, so daß die vorher 
bestehende führende Position in der 
Wirtschaft verlorenging. Das ist jedoch 
eine Hypothese, welche der empiri­
schen Untermauerung bedarf, die noch 
zu leisten ist. Und ohne jeden Zweifel 
wird man sich dazu mit den Folgen des 
Krieges für diese Periode der ökonomi­
schen Entwicklung auseinanderzuset­
zen haben. 
Felix Butschek 
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