Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2001 Heft 2 (2)

27. Jahrgang (200 1 ) , Heft 2 von "institutions"- in der angloamerikani­ schen Bedeutung des Wortes - als ent­ scheidender Integrationsfaktor betont wird. Die Stärken des Bandes werden dort ersichtlich, wo ein monetaristischer An­ satz tatsächlich sinnvoll erscheint. So überzeugt die Erklärung der sogenann­ ten "Preisrevolution" des 1 6. Jahrhun­ derts primär durch die Erhöhung der Geldmenge infolge der Edelmetallzuflüs­ se aus den amerikanischen Kolonien. Ein ebenfalls denkbarer Anstieg der Geldumlaufgeschwindigkeit in dieser Periode wird zu Recht als wenig wahr­ scheinlich bezeichnet. Bemerkenswert auch der von den Autoren konstatierte massive Rückgang der Geldumlaufge­ schwindigkeit in der Periode 1 850-1 91 3 in den meisten europäischen Ökonomi­ en mit Ausnahme Großbritanniens. Of­ fensichtlich spielten im 20. Jahrhundert große Bedeutung erlangende Geldsub­ stitute in dieser Phase des Industrialisie­ rungsprozesses eine marginale Rolle, während neue Finanzdienstleistungen bestimmte Geldtransaktionen obsolet machten. Auch scheint die Annahme der Autoren, der de facto Goldstandard in der betrachteten Periode hätte im gro­ ßen und ganzen die Inflation niedrig ge­ halten, einleuchtend. Für das Entstehen modernen Wachs­ tums - die Autoren gehen dabei von ei­ ner substantiellen Verbesserung des Le­ bensstandards während eines Lebens aus -ab der zweiten Hälfte des 1 9. Jahr­ hunderts führen Craig und Fisher vor al­ lem den institutionellen und technologi­ schen Wandel als Auslöser an. Dieser hätte den von Simon Kuznets betonten sektoralen Wandel ermöglicht und die transregionale und transnationale Inte­ gration beschleunigt. Letztere wäre der Schlüssel des "Wunders" Europa. Das Problem dieser Argumentation liegt in ihren Verkürzungen. So erklärt sich der Aufstieg der deutschen Ökono- Wirtschaft und Gesellschaft mie in der zweiten Hälfte des 1 9. Jahr­ hunderts wohl nicht ausschließlich aus dem Import von Technologien und Hu­ mankapital von den britischen Inseln , wie das die Autoren betonen, sondern wurde wohl zumindest ebenso durch den korporatistischen und "kathedersoziali­ stischen" Weg des Deutschen Reiches in die Moderne beeinflußt. Einleuchtend erscheint hingegen das Problem der Bin­ dung von (Human-)Kapital in alten Tech­ nologien in der britischen Wirtschaft. Auch läßt sich die Bevölkerungsent­ wicklung der frühen Neuzeit, wie das da und dort anklingt, keineswegs aus­ schließlich aus der ökonomischen Per­ formance erklären. Vielmehr spielten exogene Elemente, etwa mikrobiologi­ sche Prozesse, eine ebenfalls wichtige Rolle. Ein weiteres Defizit des Bandes sind mangelnde historische Kenntnisse der Autoren. Die Bedeutung von "Absolutis­ mus" und "Staat" im 1 6. und 1 7. Jahrhun­ dert wird offensichtlich überschätzt, ob­ wohl andererseits eingeräumt wird, daß in der gesamten betrachteten Periode der "Staat" l?diglich über 3-7% des Sozi­ alproduktes verfügte. Am problematistischen ist aber sicher­ lich die Grundthese der Arbeit, die öko­ nomisch Handelnden hätten in der ge­ samten betrachteten Periode als ge­ winn- und nutzenoptimierende Subjekte agiert. Angesichts vieler Befunde, die die Subsistenzsicherung in der vorindustriel­ len bäuerlichen Ökonomie, aber auch im städtischen Gewerbe als zentrales Motiv erscheinen lassen, ist dies eine sehr ge­ wagte, stark zu bezweifelnde Annahme. Dennoch, nimmt man diese unum­ gänglichen Simplifizierungen in Kauf, handelt es sich um einen äußerst le­ senswerter Band, der sich als "alternati­ ver" Ansatz zur herkömmlichen wirt­ schaftshistorischen Literatur anregend studieren läßt. Andreas Weigl 267

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