Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesell schaft 28.  Jahrgang (2002), Heft 3 
1. Theoretische Grundlagen 
Nicholas Barr eröffnet die Partie mit der Frage, wie sich das Lebenseinkommen ei­
nes arbeitenden Normalbürgers zur Finanzierung der Konsumausgaben auf die Le­
bensabschnitte des Einkommenserwerbs und des Ruhestandes aufteilen lässt. Die 
neoklassische Standardökonomie hat dazu eine rationale Lösung, die der amerikani­
sche Ökonom lrving Fisher (1 867-1947) in einem Gleichgewichtsmodell exakt be­
stimmt hat. Dieses Fisher-Modell dient allgemein als theoretische Begründung dafür, 
dass dies am Besten durch private Vorsorge auf Märkten für Versicherungen, Vermö­
gensanlagen und Ersparnisse geschieht. Das Fisher-Modell beruht allerdings auf 
strengen Voraussetzungen. Auf den Märkten muss vollkommener Wettbewerb herr­
schen. Die Nachfrager nach Versicherungspolizzen und Wertpapieren müssen voll­
kommen informiert sein, z.B. über die Qualität der Papiere. Die Anbieter müssen 
ebenso gut Bescheid wissen, z.B. über die Zahlungsfähigkeit der Nachfrager. Beides 
ist in höchst unvollkommener (asymmetrischer) Weise der Fall, auch deshalb, weil es 
dabei um Zukunft geht, die nicht vorhersehbar ist. Deshalb lassen sich nur Polizzen 
für Versicherungsleistungen anbieten, deren Prämien aufgrund von Erfahrungswer­
ten berechnet werden können. Bei wichtigen existenziellen Problemen in der Markt­
wirtschaft ist das jedoch nicht möglich. So gibt es keine Wahrscheinlichkeiten für das 
Auftreten von Arbeitslosigkeit, weshalb entsprechende Versicherungspolizzen auf 
dem Markt nicht angeboten werden können. Deshalb ist staatliche Sozialpolitik auch 
theoretisch und praktisch begründet. Denn, so Barr: "Risiko, Unsicherheit und unvoll­
kommene Information transformieren die Grundlagen der unregulierten Marktkräfte, 
die automatisch zu effizienten Ergebnissen führen." (S.6) Anders ist es bei der Krank­
heitsvorsorge. ln diesem Fall ist private Versicherung möglich; die Privatisierung öf­
fentlicher Krankenkassen wird dementsprechend zur Behebung der Finanznöte der­
selben vorgeschlagen. Barr belegt theoretisch und empirisch, dass nicht allein asym­
metrische Information und die persönliche Einschätzung und Einstellung zu Risiko 
("Risikoaversion") bewirken, dass viele am Markt unversorgt bleiben. Ausschlagge­
bend hiefür sind vor allem die Unterschiede in der Verteilung der Risiken und der Ein­
kommen: denn die Armen, deren Krankheitsrisiko weit über dem des Durchschnitts­
bürgers liegt, könnten kostendeckende, geschweige denn profitable Versicherungs­
prämien nicht bezahlen. Analoges gilt für die private Altersvorsorge. Auch sie schließt 
viele aus. Eine umfassende Vorsorge ist deshalb über den Markt nicht zu erhalten. ln  
demokratischen Gesellschaften erhält so der Staat seine Rolle, denn er kann die Fi­
nanzierung über Beiträge und Steuern nachhaltig erzwingen. Und zwar auch von je­
nen, die sich eine private Versicherung leisten könnten und mit ihren Beiträgen zur 
Pfl ichtversicherung sicherstellen, dass Solidarleistungen an die "schlechten Risiken" 
bezahlt werden können. Gelingt die umfassende Vorsorge, dann sind damit auch 
Wohlfahrtsgewinne für die Gesellschaft erreicht, die in erhöhter Arbeitsproduktivität 
und Wertschöpfung zu Buche schlagen. 
Freilich ist es dazu nicht nötig, dass der Staat die sozialpolitische Leistung jeweils 
selber produziert, anbietet und finanziert; es gibt die verschiedensten Formen staatli­
cher Regelungen. Wichtig ist dabei, dass sie effektiv umgesetzt werden. 
2. Pensionen 
Die sozialstaatl iche Altersvorsorge, finanziert über Zwangsbeiträge, bezahlt von 
den arbeitenden Anspruchsberechtigten an die altersbedingt nicht mehr arbeitenden 
Leistungsempfänger, soll unter dem Motto "mehr privat, weniger Staat" ergänzt bis 
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