Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

28.  Jahrgang (2002), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
ersetzt werden. An die Stelle dieses "Umlageverfahrens" soll ein System treten, in 
dem in den aktiven Jahren individuell Geld angesammelt wird, aus dessen Ertrag 
nach dem altersbedingten Ausscheiden vertragsgemäß während der verbleibenden 
Lebenszeit ein Renteneinkommen fließt. Diese durch Kapitalbildung "fundierte" Vor­
sorge, auch Kapitaldeckungsverfahren bezeichnet, wird von Versicherungen, Ban­
ken, Anlagefonds usw. nach Marktbedingungen angeboten. Eine solche fundierte 
Altersvorsorge wird, der vorherrschenden Marktideologie entsprechend, dem Um­
lageverfahren gegenüber als grundsätzlich überlegen erachtet. Deshalb will man 
durch seine Einführung auch die Finanzierungsprobleme des gegenwärtigen Um­
lageverfahrens endgültig hinter sich lassen. Vor allem hält man das fundierte Verfah­
ren, also den "Markt", für besser geeignet, das demografische Problem der Über­
alterung in den reichen Industrieländern zu bewältigen. 
Nicholas Barr legt mit klaren Argumenten dar, dass eine prinzipielle Überlegenheit 
der fundierten Altersvorsorge nicht besteht. Seide Verfahren haben ein identisches 
Problem zu bewältigen. Es besteht darin, dass der Konsum der wachsenden Zahl 
der Alten ebenso wie jene der weniger werdenden Aktiven aus der laufenden Pro­
duktion von Gütern und Leistungen gleichzeitig zu bestreiten ist. Umlage- und Kapi­
taldeckungsverfahren sind lediglich unterschiedliche Finanzierungsweisen, mit de­
nen Ansprüche der dann nicht mehr Aktiven auf zukünftige Produktion festgelegt 
werden. Diese zukünftige Produktion wird von dem noch aktiven Teil der Bevölkerung 
erarbeitet (S . 14). Durch die Akkumulation von freiwil l igen Beiträgen zu Lebensver­
sicherung oder zu Pensionsfonds in der Vergangenheit ist die Finanzierung einer 
gleich bleibenden oder steigenden Versorgung mit Konsumgütern über vertraglich 
vereinbarte Rente ebenso wenig zu sichern wie über das staatliche Rentenverspre­
chen, auf dem implizit die Beitragszahlungen im Umlageverfahren beruhen. 
Barr veranschaulicht den Zusammenhang am Beispiel eines um d ie Hälfte gesun­
kenen Sozialprodukts, eine Entwicklung, die sich ja in manchen Ländern beobachten 
lässt. Wollte man den Lebensstandard der Pensionisten aufrechterhalten, müsste der 
Lebensstandard der Arbeitenden dementsprechend sinken. Das setzt eine drastische 
Erhöhung der Beiträge voraus, die auszuschließen ist. Der Rückgang des Güteran­
gebotes führt auf jeden Fall zu Inflation. Bei fundierter Altersvorsorge müssten die Er­
träge dementsprechend steigen. Bei rückläufiger Wirtschaftsentwicklung ist jedoch 
das Gegenteil der Fall. Der Wert der Anlagen sinkt und ebenso die Ausschüttungen. 
Negative Folgen dieser Art treten in fundierten Systemen wegen Ertrags- und Kurs­
rückgängen auch dann ein ,  wenn das Sozialprodukt gleich bleibt oder leicht steigt. (Bei 
Niederschrift dieses Textes im Juni 2002 lese ich in englischen Tageszeitungen Be­
richte über sinkende Pensionsauszahlungen im fundierten englischen Altersvorsorge­
system.) Beiträge und Steuern, die Basis des Umlageverfahrens, schwanken in aller 
Regel weniger als Kurse und Werte auf Vermögensmärkten (S. 122). Deshalb bietet 
die fundierte Altersvorsorge den um die Aufrechterhaltung des Lebensstandards be­
sorgten Alten entgegen allen Werbeschriften und Kommissionsberichten weniger Si­
cherheit als die sozialstaatliche Rentenvorsorge. Von ausschlaggebender Bedeutung 
für beide Systeme ist das Wachstum von Produktivität und Produktion. Dies geht aus 
der von Barr verwendeten klassischen Formel, aus dem das Gleichgewicht einer 
umlagefinanzierten Altersvorsorge ersichtlich wird, hervor. Sie lautet (S. 96f): 
Beitragssatz (s) mal durchschnittlicher Reallohn (w) mal Zahl der Arbeitenden (L) 
ist gleich durchschnittliche Realpension (P) mal Zahl der Personen (N). Oder kurz: 
swL = PN 
Bei steigender Anzahl von Pensionisten N lässt sich der Lebensstandard auf Dau­
er nur aufrechterhalten, wenn die Summe der Reallöhne wL steigt, denn die Bereit-
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