Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 28 .  Jahrgang (2002) ,  Heft 3 
positiver Beitrag nachgewiesen werden kann ,  verschwindet der 
Zusammenhang zwischen Börsenentwicklung und Wachstum bei 
Einbeziehung der Effizienzvariablen bzw. wird sogar, wenn auch 
kaum signifikant, negativ. 
Börsenfinanzierung ist also der Bankenfinanzierung keineswegs 
systematisch ü berlegen . Zudem zeigt die Untersuchu ng , dass 
bankdominierte Volkswirtschaften weniger zu Schwankungen nei­
gen, d . h .  eine börsendomi nierte Volkswirtschaft bräuchte eine ak­
tive, stabil isierende Konjunkturpolitik, die im Post-Maastricht-Euro­
pa auf absehbare Zeit nur schwer vorstellbar ist. 
Betrachtet man schließlich den Finanzierungsbeitrag der Börsen 
(Anteil der Kapitalerhöhungen an den Bruttoanlageninvestitionen), 
so zeigt sich , dass dieser nahe nul l l iegt bzw. sogar negativ wird ,  
wenn die Rückkäufe eigener Aktien, Kapitalherabsatzungen und 
Notierungslöschungen sowie Fusionen und Übernahmen berück­
sichtigt werden. 
Dennoch ereiferten sich so genannte Börsengurus, Unterneh­
mens- und Politikberater, Manager und nicht zuletzt Medien, (Kon­
tinental-)Europa müsse nur dem angloamerikanischen Vorbild fol­
gen, um aus seiner Struktur- und Wachstumsschwäche zu finden. 
Aktienoptionen und share holder value hießen die Zauberworte, 
die nicht nur Börsen, Anlegerrenditen und Managergehälter, son­
dern gleich ganze Volkswirtschaften beflügeln sollten . Kapital­
deckungsverfahren sollten demografische Risken des Umlage­
verfahrens in der Pensionsversicherung verschwinden lassen (wo­
h i n  ist unklar, wenn die Anlagen im gleichen ,demografischen 
Raum' erfolgen). Übrigens lohnt ein Vergleich der Zuwachsraten 
des nominellen B I P  pro Kopf (Grundlage für das Umlageverfahren) 
und der Zuwachsraten des Dow Jones l ndustrial l ndex der letzten 
vierzig Jahre: Die Zuwächse des österreichischen B I P  pro Kopf 
gleichen etwa den Zuwächsen des US-Aktienindex, aber das 
Österreichische BIP weist eine geringere Schwankung auf. Jeder 
rationale Anleger wäre also gut beraten - gleiche Rendite bei ge­
ringerem Risiko -, in das Österreichische Umlageverfahren zu inve­
stieren (dabei handelt es sich zwar um einen ex post-Vergleich, 
aber Fonds werden ebenfalls an ihrer Wertentwicklung in der Ver­
gangenheit gemessen). 
Selbstverständlich haben aber Vermittler von Lebensversiche­
rungen, privaten Pensionsversicherungen, Investmentfonds oder 
anderen Anlageprodu kten n icht ein sehr ausgeprägtes Interesse, 
solche Vergleiche anzustellen. Bei l nvestmentbanken, Kapitalanla­
gegesellschaften und Händlern liegt das I nteresse, Aktienmärkte 
zu forcieren, ebenfalls auf der Hand. Problematisch ist h ier aber 
nur der Anreiz zu einem gewissen Herdentrieb, der spekulative 
Blasen verstärkt: Je stärker sich Kurse von den zugrunde liegen­
den Fundamentaldaten entfernen, desto weniger wichtig werden 
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