Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 28 .  Jahrgang (2002) ,  Heft 3 
der USA hängt wiederum d ie Konjunktur in Europa ab, weil sich 
dieses geld- und fiskalpolitisch selbst eingeschnürt hat und wie in 
den neunziger Jahren die Binnennachfrage kaum ausreichen wird , 
einen selbsttragenden Aufschwung zu induzieren, geschwe ige 
denn dazu, die Rolle der Konjunkturlokomotive USA zu überneh­
men, wenn deren Motoren stottern . 
Gerade jetzt wäre es aber in Europa besonders wichtig, sich auf 
die eigenen Stärken zu besinnen und mit einer beherzten europäi­
schen Wirtschaftspolitik Flagge zu zeigen. Damit ist keineswegs 
nur eine zweifelsohne notwendige aktivere Rolle in der Konjunktur­
politik gemeint. Das reicht von einer europäischen Unternehmens­
kultur bis zur Banken- und Kapitalmarktregulierung. Obwohl im in­
ternationalen Bankenregulierungsprojekt Basel II im Vergleich zu 
den ursprünglichen, eindeutig US-dominierten Vorschlägen schon 
einige Erfolge zu verbuchen sind, trägt Basel II in seiner jetzigen 
Form immer noch d ie Gefahr in sich, den stabil isierenden Einfluss 
der Bankenfinanzierung auf die Konjunktur zu untergraben, indem 
die Kreditportfoliomanager zu einem ähnlichen Verhaltensmuster 
wie Fondsmanager veranlasst werden. 
Fragen der Bilanzierung sind hier ebenso angesprochen wie die 
längst fäll ige Trennung von Unternehmensprüfung und -beratung 
sowie die U nabhängigkeit der Bilanzprüfer (Rotation des prüfen­
den Unternehmens und nicht nur des Prüfers, Beteiligungsgrenzen 
usw. ). Damit soll n icht gesagt werden , dass europäische Unter­
nehmenskultur und europäische Buchhaltungsstandards Bilanz­
manipulationen ausschließen können; sie bieten nur weniger Mög­
lichkeiten der ,kreativen' Buchhaltung - in Kombination mit Aktien­
optionen hat sich ja gezeigt, dass die Anreize für ,Kreativität' hier oft 
allzu groß sind. 
Aber auch d ie Berücksichtigung der I nteressen der stake 
ho/ders, also all jener, die mit dem Unternehmen verbunden sind ­
Mitarbeiterlnnen , Gläubiger, Umwelt usf. -, ist besser dazu geeig­
net, in den Unternehmen selbst d ie richtige Mischung aus kurz­
und langfristigen Überlegungen sowie Ertrag und Risiko zu finden. 
Dies soll nicht einer Versteinerung des kontinentaleuropäischen 
Systems das Wort reden, auch dieses System muss sich, wil l  es 
ü berleben, beständig anpassen. Aber es sol l  n icht das Kind mit 
dem Bade ausgeschüttet werden , und eine Konkurrenz der Syste­
me ist allemal günstiger als ein Hegemonialsystem, das offensicht­
lich auch nicht zu Glückseligkeit geführt hat. 
Es bleibt noch zu erörtern, warum auch die Wirtschaftspolitik, die 
eigentlich stabilisierend auf das Wirtschaftssystem einwirken soll­
te, ebenso den Verlockungen gefolgt ist. Das Faktum, dass U nter­
nehmens- und PR-Berater zunehmend Ökonomen aus dem Markt 
der Politikberatung gedrängt haben, kann nur teilweise zur Erklä­
rung beitragen, weil dieses Phänomen gleichzeitig Ursache und 
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