Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2003 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 29. Jahrgang (2003), Heft 2 
l idieren mit jenen "europäischen Werten", die als einheitliche zu unter­
schiedlichen Gelegenheiten beschworen werden. 
1.1  Der langfristige Blick auf die europäische Einheit 
Es ist falsch, Europa nur von seinen Nationalstaaten - und damit nur 
von der Vielfalt seiner ldentitäten - her zu denken. Europa zeichnet sich 
durch Vielfalt und unterschiedl iche kulturelle Prägungen aus, und das 
wird als seine Stärke gesehen. Es ist aber für das Vorhaben, ein gemein­
sames politisches Gebilde zu erstellen , auch ein Nachtei l .  Eine wirkl iche 
europäische kulturelle Identität - im Sinne eines lebendigen Gemein­
schaftsbewusstseins - gibt es wohl nicht. Das Trennende ist m indestens 
so stark wie die verbindende europäische Vorstel lungswelt. Der Nationa­
lismus bleibt als Kraft wirksam,5 in Teilen zerfällt ja Europa wieder.6 Emile 
Durkheim hat schon gewusst, dass größere Wirtschaftseinheiten alte 
Solidaritäten auflösen und neue hervorbringen müssen; doch sein Ver­
trauen darauf, dass das Erkennen funktionaler I nterdependenzen auch 
organische Solidaritätsgefühle generiert, bleibt vorderhand eine Hypo­
these. 7 Aber bei aller kulturellen Diversität, die den Kontinent kennzeich­
net, g ibt es doch zumindest zwei "Einheitsideen", eine "geistige" und eine 
"institutionelle". 
ln geistiger (kultureller) Hinsicht gi lt: Europa allein hat es zustande 
gebracht, das Universale zu denken; das Menschliche schlechthin ins 
Auge zu fassen ;  die Menschenrechte zu entwickeln ;  daraus abgeleitet: 
auch eine universale Ethik zu fordern (und selbst oft genug gegen diese 
Forderung zu verstoßen). Europa hat (seit Goethes Zeiten) die "Weltl ite­
ratur" bewundert, jenseits modischer Multikultural ismen . Wenn es so 
etwas wie "europäische Werte" gibt, so sind sie in d ieser geistigen Kraft 
zu finden.8 
Und es gibt ein zweites einigendes Element: Europa hat über d ie Jahr­
hunderte seiner Formwandlungen hindurch immer die Einheit Europas 
mitgedacht, indem es die Erinnerung an das Römische Reich bewahrt 
hat; die translatio imperii, das sacrum imperium, die Folie für das euro­
päische Kaisertum - manifestiert n icht zuletzt in der lateinischen Spra­
che. Das Römische Reich wurde immer mitgedacht, und dabei hat auch 
immer der europäische Anspruch auf "Weltherrschaft" mitgeschwungen , 
zumindest der Anspruch , ein "global player" zu sein .  Im  Bl ick auf das alte 
imperiale Modell war es eher die abgegrenzte Nationalstaatl ichkeit, ein 
Kind des 1 9. Jahrhunderts, die Produkt einer Ausnahmeperiode war, die 
wir als Normalität von Staatlichkeit zu betrachten uns angewöhnt haben . 
Das letzte halbe Jahrhundert war noch einmal eine Ausnahme in der 
Ausnahme der letzten zwei Jahrhunderte. Es war, wie Peter Sloterdijk 
sagt, d ie Absence-Zeit: die Periode, in der Europa jeden Anspruch als 
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