Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2003 Heft 2 (2)

29. Jahrgang (2003), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 
weltpolitischer Mitspieler aufgegeben hat, der ihm vorher selbstverständ­
l ich war. Es war die Zeit, als Europa in die Zange genommen wurde von 
den Supermächten; von den Manifestationen zweier gesellschaftspoliti­
scher Experimente, die natürlich aus dem europäischen Geiste, dem 
Geiste des europäischen Maximal ismus,9 kamen; das heißt von dem 
amerikanischen und dem sowjetisch-sozial istischen Experiment. Europa 
nahm sich zurück, ja nahm auf einige Jahrzehnte Urlaub von der Politik; 
eine Epoche der notwendigen materiellen und geistigen Rehabil itation 
nach dem demütigenden Absturz. 
1.2 Der zeitgeschichtliche Blick auf die europäische Einheit 
Das ist die "große", jahrtausendelange Geschichte der europäischen 
Einheit und Vielfalt. Es gibt aber auch eine kurze Geschichte, eine "Zeit­
geschichte" der europäischen Idee, und bevor wir d ie damit verbundenen 
"Leitideen" erörtern, müssen wir einen kurzen theoretischem Umweg 
machen. 
l n  einer "beweglichen" Gesellschaft findet sich ein ständiger Umbau 
von Institutionen, und die Herausbildung der Europäischen Union kann 
als das größte (auch als e in einzigartiges) Projekt der Institutionenbil­
dung betrachtet werden . 10 M .  Rainer Lepsius definiert: " I nstitutionen sind 
[ . . .  ] soziale Strukturierungen, die einen Wertbezug handlungsrelevant 
werden lassen."1 1  Institutionen beruhen auf "Leitideen". 12 Diese Leitideen 
legen Rationalitätskriterien fest, also Handlungsmaximen, die bestim­
men, was im jeweiligen Einflussbereich der Leitideen sachgerechtes, 
vernünftiges, angemessenes Handeln ist. (Es ist vernünftig , im Kontext 
der Wissenschaft Erkenntnisse, mit denen sich Geld verdienen ließe, 
zum Zwecke der Reputationsgewinnung kostenfrei in einer Zeitschrift zu 
publizieren. Es ist unvernünftig, im Kontext des Wirtschaftshandeins 
erforderl iche Entlassungen von Mitarbeitern aus Mitleid n icht vorzuneh­
men.) Rational itätskriterien haben ihre eigene "Logik"; sie werden als 
eigendynamische Prozesse wirksam,  treiben aus sich Folgeprobleme 
und Folgeentscheidungen hervor. ln d iesem Prozess kommt es auch zur 
dauernden Produktion und Bewältigung von nichtbeabsichtigten Wirkun­
gen. 
Das institutionstheoretische Modell ist auf Europa anwendbar. Das Ziel 
einer politischen Einigung des Kontinents- in  i rgendeiner Form "europä­
ischer Gemeinschaftl ichkeit" - kennt drei "Leitideen" der europäischen 
Einigung: Gewaltvermeidung, Handlungsfähigkeit und Produktivität, und 
ich meine, dass sich seit der Genese der Union, also im Laufe eines hal­
ben Jahrhunderts, das Schwergewicht von der ersten Leitidee zu den 
beiden anderen, besonders aber zur dritten hin, verschoben hat. 
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