Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2003 Heft 2 (2)

29. Jahrgang (2003), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 
Mindestlöhne und Beschäftigung: 
Die empirische Evidenz 
Ein Literaturüberblick 
Christian Ragacs1 
1. Einleitung und theoretische Ansatzpunkte 
Ein Überblick und eine ausführliche Diskussion der wirtschaftstheore­
tisch orientierten Literatur zu Beschäftigungswirkungen von Mindestlöh­
nen wurden vor kurzem in Wirtschaft und Gesellschaft 1 /02 veröffent­
licht.2 Dieser Beitrag konzentriert sich nun auf die empirische Evidenz 
zum gleichen Thema, wobei wir uns auf Beschäftigungswirkungen von 
Mindestlöhnen in westlichen Industrieländern beschränken .3 
Unter einem Mindestlohn wird überwiegend eine gesetzlich definierte 
oder kollektivvertraglich festgelegte Lohnuntergrenze für unselbstständi­
ge Arbeit verstanden.4 Das zentrale Argument für dessen Einführung ist 
die Wirkung auf die personelle Einkommensverteilung. Es soll Armut 
trotz Beschäftigung reduziert (,, Working Poor'J beziehungsweise generell 
eine egalitärere Einkommensverteilung erzielt werden. Gerade dieses 
Ergebnis wird von der traditionellen neoklassischen Theorie aber grund­
legend in Frage gestellt. Hierbei ist es unerheblich , ob Mindestlöhne per 
Gesetz oder auf Grund von Lohnverhandlungen5 eingeführt werden, da 
in beiden Fäl len die Arbeitnehmerinnen mit einer bei höherem Lohn 
geringeren Arbeitsnachfrage der Firmen konfrontiert sind. Somit werden 
gerade Beschäftigte mit relativ niedrigerer Produktivität, deren Situation 
durch den Mindestlohn ja eigentlich verbessert werden sollte, arbeitslos. 
Es ergebe sich also eine zweischneidige Wirkung: Weiterhin zum Min­
destlohn Beschäftigte wären zwar besser gestellt, d ies aber zu Lasten 
der aus dem Arbeitsverhältnis gedrängten Personen . l n  der neueren the­
oretischen Literatur sind al lerdings auch neoklassisch orientierte Ansät­
ze zu finden, die keine negativen oder sogar positive Beschäftigungsef­
fekte implizieren.6 I nsofern ist jede Diskussion der Wirkung von Mindest­
löhnen auf die Einkommensverteilung unseriös, wenn n icht zuvor deren 
Beschäftigungswirkungen empirisch erhoben werden. 
Fast jede empirische Analyse der Beschäftigungswirkungen von Min­
destlöhnen basiert auf der theoriegeleiteten Diskussion. Zusätzlich zu 
den in Wirtschaft und Gesellschaft 1 /02 diskutierten Ansätzen werden 
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