Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2004 Heft 1 (1)

30. Jahrgang (2004), Heft 1 
nel ler Änderungen und günstigerer 
klimatischer Verhältnisse erhöhte sich 
das extrem niedrige Ernte-Saat-Ver­
hältnis von 2 : 1  im 9. Jh. auf - nach wie 
vor erschreckende - 3: 1 - bis 4: 1 -Rela­
tionen im 1 3. und 14. Jh. Dabei waren 
von Jahr zu Jahr enorme Schwankun­
gen zu verzeichnen. 
Im Laufe des 1 3 . Jahrhunderts ver­
stärkten sich malthusianische Prob­
leme: ln ein igen Regionen nahm die 
Bevölkerungsdichte stark zu, während 
die Bodenerträge wegen unzureichen­
der Düngung und Überbeanspruchung 
abnahmen. Die Konsequenzen waren 
in den betreffenden Gegenden 
Übervölkerung ( im Verhältnis zu den 
produktiven Möglichkeiten) und Unter­
ernährung. Die Auswanderung aus den 
übersiedelten Gebieten in neu zu 
kolonisierende Regionen schien die 
Möglichkeit zu bieten, durch Gewin­
nung von zusätzlichem Acker- und Wei­
deland den Ertragsverfal l  in Altsiedel­
gebieten zu kompensieren. 
Rodung und Rechtsstatus 
der Bauern 
Dopsch führt expl izit drei große 
Rodungsbewegungen im Ostalpen­
raum an: 
Die Salzburger Erzbischöfe nahmen 
im Früh- und Hochmittelalter mit Hi lfe 
ihrer adeligen Gefolgsleute die Rodung 
und Besiedelung des Pongaus und 
Tennengaus in Angriff. Es entstanden 
dort Herrschaften, die von Eigenleuten 
der Salzburger Kirche besiedelt waren, 
unmittelbar den Erzbischöfen unter­
standen und sich immer weiter in die 
Waldgebiete ausdehnten. Im großen 
Waldgebiet der Osterhorngruppe und 
im Lammerta l mit dem Abtenauer 
Becken setzten Rodung und Be­
siedelung erst im späten 1 1 .  Jh. ein 
und erreichten im 1 3. Jh. ihren Höhe-
Wirtschaft und Gesellschaft 
punkt (siehe Karte S. 347) . 
l n  Bezug auf Tirol werden die Ver­
. dienste Meinhards I I . ,  Graf von Tiroi­
Görz, für den Landesausbau und die 
Rodung hervorgehoben. 
Im späteren Vorarlberg begannen die 
Grafen von Bregenz in der zweiten 
Hälfte des 1 1 . Jhs. mit der planmäßi­
gen Erschließung und Kultivierung des 
Bregenzerwaldes. 
Viele Rodungsherren des Hochmit­
tela lters, sowohl weltliche als auch 
geistl iche, statteten ihre Rodungs­
siedler mit einem Sonderstatus aus, 
wobei die regionalen und lokalen Un­
tersch iede sehr groß waren: Die Bün­
del von Belastungen, Bindungen und 
Berechtigungen der begünstigten Ro­
dungsbauern waren überaus vielfältig.3 
Besonders günstige Rechtsformen 
waren Erbzinsrecht und freies Eigen. 
Die Besitzer von freien E igen hatten 
volles Eigentumsrecht, leisteten Ab­
gaben nicht an den Grundherren, son­
dern an den Grafen oder Landes­
fürsten. Für sie war das gräfl iche oder 
landesfürstl iche Gericht zuständig. 
Häufig waren ihnen besondere öf­
fentlich-rechtliche Verpflichtungen - wie 
Militärdienst - auferlegt. Der Besitz von 
freiem Eigen war nicht gleichbedeutend 
mit persönlicher Freiheit! 
Was waren die Hauptgründe für die 
Gewährung vergleichsweise günstiger 
Rechte an die Rodungsbauern? Um 
ihre äußerst arbeitsintensiven Vorhaben 
zu verwirkl ichen , mussten die Ro­
dungsunternehmer Siedler gewinnen, 
die bereit waren, bestehende soziale 
Bindungen aufzugeben, vielfach auch 
gewohnte Arbeitsweisen, um Jahre der 
Unsicherheit in unbekannter sozialer 
und landschaftlicher Umgebung in Kauf 
zu nehmen. Der besondere Charakter 
der Unsicherheit der Rodungsbauern 
bestand darin, dass die Ertragsfähigkeit 
der dem Urwald abzuringenden Böden 
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