Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2004 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
völ l ig ungewiss war. Am schwersten 
wogen wohl die enormen physischen 
Anforderungen: Zur dauerhaften Ge­
winnung von Acker- und Weideland war 
es notwendig, auch die Wurzelstöcke 
zu entfernen. Nicht umsonst lautete ein 
Kolonistenspruch: "Der Vater arbeitet 
sich zu Tode, auch der Sohn noch Not 
leide und erst der Enkel sein Brot 
finde."4 
Der Faktor ,Druck' , der aus der 
Übervölkerung der Altsiedelgebiete re­
sultierte, war offenbar in vielen Fällen 
n icht ausreichend, bedurfte der Er­
gänzung um das Element ,Zug ' ,  das 
von dem verg leichsweise günstigen 
Rechtsstatus ausging, welcher Kolo­
nisatoren geboten wurde. Über Tirol 
schreibt Dopsch in diesem Zusam­
menhang: 
"Positiv wirkte sich aus, dass sich 
gerade in den Herrschaften und Gütern 
der Grafen von Tirol die freie Erbleihe 
(Erbzinsrecht) durchsetzen konnte, die 
als günstigste Leiheform den Bauern 
den erblichen Besitz von Hof und 
Gütern, auch für Töchter, garantierte. 
Damit war es den Grafen mögl ich ,  
genügend Siedler zu gewinnen, um das 
hochmittela lterl iche Rodungswerk in  
den Alpen, das im 1 3 . Jahrhundert 
seinen Höhepunkt erreichte, entspre­
chend voranzutreiben ." (S. 4 16) 
Und über die Siedler im Bregenzer­
wald heißt es: "Die Bauern erhielten 
Huben zu Erbrecht . . . . Außer Natural­
abgaben hatten die Bauern auch einen 
Geldzins zu leisten. Mit dem Erbrecht 
besaßen die Bauern zwar eine beson­
ders günstige Leiheform, sie waren 
aber nicht persönlich frei. Eine im Bre­
genzerwald übl iche Todfal labgabe 
(mortuarium) weist die Bauern ein-
1 66 
30. Jahrgang (2004), Heft I 
deutig als E igenleute der Grafen von 
Bregenz aus." (S. 424) Auch die 
Walser; deren Niederlassung 1 3 1 3  be­
gann, erhielten günstige Rechtsbedin­
gungen, waren aber keine ,freien 
Bauern ' .  
Wegen der  Marginal ität der  Böden, 
die sie kultivierten, erwies sich die 
wirtschaftl iche Lage der Rodungs­
bauern auch nach drei Generationen 
nicht selten ungünstiger als diejenige 
von rechtl ich schlechter gestellten 
Bauern auf Altsiedelland. 
Im Hochmittelalter erhielten viele 
Alpenregionen also die wesentl ichen 
Züge jenes kulturlandschaftliehen Pro­
fi ls ,  das sie im Großen und Ganzen 
auch noch Mitte des 20. Jhs. ,  vor den 
Entstel lungen durch den Massen­
tourismus, zeigten. Der Preis, den die 
betreffenden Generationen für den in­
neren Landesausbau zu zahlen hatten, 
war frei l ich - wie viel später im Falle 
der Pioniere der Industrialisierung - ein 
sehr hoher: 
Martin Mailberg 
Anmerkungen 
1 Russe!, J. C., Population in  Europe, in :  
The Fontana Economic History of Europe 
1 :  The M iddle Ages (Giasgow, 5. Aufl . ,  
1 978) 36. 
2 Siehe dazu: White, Lynn Jr. ,  The Expan­
sion of Technology, in: The Fontana Eco­
nomic History of Europe 1 :  The Middle 
Ages (Giasgow, 5. Aufl . ,  1 978) 147ff. 
3 Zur Vielfalt der Bündel von Rechts­
regelungen siehe Bl ickle, Peter, Von der 
Leibeigenschaft zu den Menschenrech­
ten (München 2003). 
4 Brunner; Otto, Europäisches Bauerntum, 
in: Franz, G. (Hrsg.), Deutsches Bauern­
tum im Mittelalter (1 976) 20.
        

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