Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2004 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
sehen Bevölkerungsmehrheit zur ka­
tholischen Kirche. Der Antiklerikalismus 
war eine Art Bindeglied zwischen den 
ökonomischen und sozialen Forderun­
gen der Bauern und der Anziehungs­
kraft, die reformatorische Losungen auf 
d i e  Bauern ausübten . Die ei nfachen 
Menschen nahmen Anstoß an der wirt­
schaftlichen und politischen Macht der 
Kirche, am häufig alles andere als 
asketischen Lebensstil der Kleriker und 
am Verkauf von seelsorglichen Diens­
ten zu Monopolpreisen, insbesondere 
am AblasshandeL 
Folgen der Gegenreformation 
Winkelbauer fasst sozio-ökonomi­
sche Konsequenzen der Gegenrefor­
mation und der einhergehenden Poli­
ceyord nungen folgendermaßen zu­
sammen: "Die Bemühungen der 
Grundherren u m  Sozialdisziplinierung 
u nd Konfessionalisierung ihrer Unter­
tanen . . .  waren eng verflochten mit Be­
strebungen nach Kommerzialisierung 
der H errschaften.  Die damit etwa 
gleichzeitigen und wohl auch kausal 
verbundenen Veränderungen im Ge­
richtswesen ( . . .  ) und die Einengung der 
Autonomiebereiche der genossen­
schaftlichen O rgane der Bauern und 
B ü rger (Gemeinden , Zünfte) ver­
schafften den Grundherren eine gera­
dezu absolutistische Machtfülle gegen­
über ihren U ntertanen, die es ihnen er­
möglichte, Rechtsgebote ( . . .  ) ohne Zu­
stimmung der Betroffenen zu erlassen 
u nd neue Quellen zur Erhöhung ihrer 
Einkünfte zu erschließen." ( I I ,  S. 265) 
Die Folgen dieser Entwicklungen im 
1 7. J h .  waren ein Konzentrationspro­
zess des adeligen Grundbesitzes, eine 
Erweiterung herrschaftl icher Rechte 
und eine Verschärfung des feudalen 
Drucks. Die H erausbild ung eines 
"grund herrlichen Absolutismus" be­
d eutete in Böhmen und Mähren d i e  
3 14 
30. Jahrgang (2004), Heft 2 
Entstehung der "Gutsherrschaft" und in 
Teilen von Nieder- und Oberösterreich 
der ,,Wirtschaftsherrschaft". 
Auf die längerfristigen Folgen der 
Gegenreformation für die sozio-ökono­
m ische Entwicklung der habsburgi­
schen Länder geht Winkelbauer nicht 
näher ein, wie ü berhaupt wi rtschafts­
historische Aspekte gegenüber The­
men der Politik-, Rechts-, Konfessions­
und Sozialgeschichte zurücktreten.  Mit 
der Renaissance begann in Europa die 
systematische Produktion von Wissen. 
Voraussetzung dafür war die Erringung 
der Freiheit und Autonomie des Den­
kans - gegen den teils hinhaltenden, 
teils entschlossenen, ja erbitterten und 
gewalttätigen Widerstand der katholi­
schen Kirche. Der mit der Reformation 
gewonnene größere geistige Freiraum 
fand seinen Niederschlag u.  a. in dem 
weit höheren Anteil der Protestanten 
an den bedeutenden Wissenschaftern 
des konfessionellen Zeitalters. 
Mit der Gegenreformation ver­
schlechterten sich Österreichs Chan­
cen , zu den fü hrenden westeuropä i­
schen Ländern Anschluss zu halten.  
Di e Autoren des  jüngst erschienenen 
ersten Bandes der "Österreichischen 
lndustriegeschichte", Günther Chalou­
pek, Dionys Lehner, Herbart Matis und 
Roman Sandgruber, führen deshalb 
auch den übergroßen Einfluss des Ka­
tholizis mus  als Nachteil im europäi­
schen Vergleich an: "Die Gegenrefor­
mation hatte in den katholischen Ge­
bieten zu einer spürbaren Zurückdrän­
gung des Buch besitzes, der Lektüre 
und der wissenschaftl ichen und allge­
meinen Bi ldung gefü hrt. Statt der 
Schriftkultur blühte die Ausstattung der 
Kirchen und privaten Haushalte mit Bil­
dern und Devotionalien, nahmen das 
Wallfa h rtswesen und die Zahl der 
Feiertage zu. Viel Kapital und Arbeits­
zeit wurde in Kirchen- und Klosterbau-
        

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