Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2004 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 30. Jahrgang (2004), Heft 2 
den Nachfrage viel wah rscheinlicher als die andere, theoretisch 
mögliche Variante, dass die Beschäftigtenzahl gleich bleibt und 
die Mehrarbeit zur Erhöhung der Produktion verwendet wi rd .  
Dies wäre zwar ohne zusätzliche Lohnkosten möglich, sehr wohl 
aber würden zusätzliche andere Kosten anfallen (Material- und 
sonstige Betriebskosten) ,  wobei es fü r den U nternehmer u n­
sicher ist, ob er diese Kosten über einen erhöhten Absatz wieder 
hereinbekommt. 
Wenn wir nun d iese Überlegungen aus der Sicht eines einzel­
nen U nternehmens auf d ie Gesamtwirtschaft ü bertragen ,  so 
lässt sich daraus bereits eine wichtige Schlussfolgerung ü ber 
die Wirkung der Arbeitszeitverkürzung auf das BI P bzw. auf die 
Beschäftigung ableiten. ln der Situation eines generellen Nach­
fragema ngels fü hrt d i e  Verlängerung der Arbeitszeit bei 
gleichzeitiger Senkung des Stundenlohnes i n  Summe zu einer 
Senkung der Beschäftigung bei zunächst gleichbleibender Pro­
duktion. Sinkende Beschäftigung führt jedoch über d ie Redu k­
tion der Lohnsumme zu einer sinkenden Gesamtnachfrage, was 
zu einer Reduktion der Produktion führt, die wiederum eine wei­
tere Reduktion der Beschäftig u ng nach sich zieht. I nsgesamt 
löst die Arbeitszeitverlängerung beim B I P  und bei der Beschäf­
tigung eine Anpassungsbewegung nach unten aus, die sich auf 
jeweils tiefer liegenden Niveaus stabil isiert. Plausibel ist daher, 
dass die Arbeitszeitverlängerung gerade das Gegenteil von dem 
bewirkt, was i h re Befürworter behaupten ,  u m  dem Vorschlag 
ein positives wirtschaftspolitisches M äntelchen umzu hängen . 
Letztlich ist das Resu ltat auch aus der Sicht der U nternehmer 
n icht positiv, doch sehen diese oft nur die Lohnersparnis, ohne 
deren weiteren Folgen zu beachten , und lassen sich durch diese 
Kurzsichtigkeit täuschen. 
Worauf kann sich sonst noch - sachlich betrachtet - die E r­
wartung positiver Wachstums- u nd Beschäftig u ngswirkungen 
einer Arbeitszeitverlängerung stützen? Sinn begründet sie m it 
einer verbesserten Konkurrenzfähigkeit der deutschen Exporte 
gege n ü ber den Konku rrenzländern. l n  Wirkl ichkeit wird bei 
dieser Argumentation die Arbeitszeitverlängerung nur als Trick 
verwendet, u m  eine - verhältnismäßig massive - Lohnsenkung 
durchzusetzen und damit die Profitabi l ität der Exporte zu er­
höhen. Genauso gut oder sogar besser könnte man ei nfach 
eine entsprechende Lohnsenkung verlangen , wovor aber n icht 
nur die U nternehmer, sondern in d iesem Fall auch der sich u n­
verständlicher Weise zum "Kathedersozialismus" bekennende 
Professor zurückschrecken , weil dies unter den Arbeitnehmern 
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