Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2004 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 
keinen "take off' in der englischen ln­
dustriegeschichte gab, sondern eine 
höchst dynamische Entwicklung vor 
dem Einsetzen industrieller Massen­
fertigungen. Im Zeitraum 1 600-1 800 
kam es zu einer Verdoppelung des 
Outputs pro Kopf in England. Das war 
für eine traditionelle Ökonomie eine 
sehr hohe Wachstumsrate. Dennoch 
stieg das reale Pro-Kopf-Einkommen 
erst gegen Ende des 1 8. Jahrhunderts 
in England über den Wert der Nieder­
lande. Die Conclusio, die Wrigley aus 
diesem Befund zieht, sollte jedem neo­
l iberalen Wachstumsfetischisten ins 
Stammbuch geschrieben werden: Ka­
pitalismus garantiert kein langfristiges 
Wachstum. Obwohl in den Niederlan­
den die erste kapitalistische Ökonomie 
entstand,  konnte sich keine Versteti­
gung des Wachstums in einer Phase 
der Ressourcenverknappung einstel­
len: Die Niederlande fielen zurück. 
Wrigley geht jedoch noch einen 
Schritt weiter: Die engl ischen Bedin­
gungen für Urbanisierung und land­
wirtschaftl iche Prosperität waren auch 
in anderen Teilen Europas prinzipiell 
gegeben. Dass England letztlich eine 
Vorreiterrolle im Industrialisierungsver­
lauf einnahm, erklärt sich aus einem 
bereits in der vorindustriellen Wirtschaft 
erworbenen Wachstumsvorsprung und 
einer günstigen Ressourcenausstat­
tung. Damit l iefert Wrigley freilich auch 
- ohne es in diesem Band eigens aus­
zuführen - Begründungen für den Ver­
lust der einmal erworbenen Position im 
späten 1 9. Jahrhundert. ln  jener Pha­
se der I ndustrialisierung, in der die in­
dustriellen Leitsektoren nicht mehr in 
einem derartig hohem Ausmaß auf fos­
sile Energieträger zurückgreifen muss­
ten wie in der ersten Phase der lndust-
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30. Jahrgang (2004), Heft 3 
ria l isierung und auch im Bereich von 
Landwirtschaft und Urbanisierung kon­
tinentale Ökonomien nachzogen, be­
stand für Großbritannien kein wesent­
licher Wettbewerbsvorteil mehr. 
Die gesammelten Beiträge Wrigleys 
liefern interessante Einblicke in die Ge­
schichte der " Industriellen Revolution" 
vor der Revolution. Viele Thesen Wrig­
leys sind nicht wirklich neu, aber es ge­
l ingt ihm, sie in eine konsistente Dar­
ste l lung zusammenzufügen. Kritik­
punkte gibt es wenige. Ledigl ich die 
Wiederholung vieler Argumente, die 
sich aus dem Charakter einer Aufsatz­
sammlung ergibt, führt bei der Lektüre 
zu häufigen Redundanzen. Die Tatsa­
che, dass ein ige Aufsätze bereits vor 
rund zwei Jahrzehnten erschienen 
sind, wirkt sich vereinzelt nachteilig aus. 
So hält die Behauptung des Autors, in 
England hätten im Vergleich zum Kon­
tinent höhere Migrationsraten bestan­
den, neueren Ergebnissen der Migra­
tionsgeschichte nicht unbedingt Stand. 
Bedauerlich ist es, dass der Autor am 
Abschluss des Bandes keine die Zeit 
nach 1 850 in den Blick nehmende Bi­
lanz zieht. Diese Einwände ändern 
nichts an der Gesamteinschätzung: ln 
Summe ist Wrigley ein äußerst lesens­
wertes Buch gelungen! 
Andreas Weigl 
Anmerkung 
1 Zusammenfassend etwa in:  Industrielle 
Revolution (=Beiträge zur historischen So­
zialkunde 3 (1 997)); Teich, Mikulas, Por­
ter, Roy (Hrsg.), The lndustrial Revolution 
in National Gontext Europe and the USA 
(Cambridge 1 996).
        

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