Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2005 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
me Energie im gesteigerten Ausmaß 
für Arbeit einzusetzen, und zwar, weil 
Erkrankungen seltener auftraten und 
damit die Effizienz der Nahrungsverar­
beitung in den Arbeitsoutput zunahm.  
Die nun möglichen Outputs machten 
die Etablierung von entwickelten Sozi­
alstaaten erst mögl ich. Diese Wohl­
fahrtsstaaten wiederum garantierten 
der proletarischen Bevölkerung eine 
Lebenserwartung nahe jener der Ober­
schicht. Insofern handelte es sich um 
einen selbstverstärkenden Effekt. 
Fogeis Annäherung liefert somit eine 
schlüssige Erklärung des Rätsels des 
frühindustriellen Wachstums. Das Pa­
radox aus hohen oder zumindest 
scheinbar hohen Wachstumsraten bei 
sinkender Lebenserwartung in der 
Frühphase der Industriellen Revolution 
erklärt sich einerseits aus dem Vertei­
lungsproblem - die Lebenserwartung 
von Angehörigen der Oberschicht fiel 
in der ersten Hälfte des 1 9 . Jahrhun­
derts keineswegs! - und der Über­
schätzung des Wirtschaftswachstums 
in dieser Phase generell .  Die in frühin­
dustriellen Zentren beobachtbaren re­
lativ hohen Arbeiterlöhne, die in die 
Wachstumsschätzungen mit eingingen, 
erwiesen sich häufig als Risikoprämie 
für schlechte ökologische Lebens- und 
Arbeitsbedingungen und daraus resul­
tierende geringere Lebenserwartung. 
Bemerkenswert ist in diesem Zu­
sammenhang auch Fogeis Infragestel­
lung des so genannten "Epidemiologi­
schen Übergangs". Arbeiter des 1 9 . 
Jahrhunderts litten häufiger und in jün­
gerem Lebensalter an degenerativen 
Erkrankungen, als dies heute der Fall 
ist. Die hohe lnzidenz von akuten oder 
chronischen Infektionskrankheiten 
sorgte allerdings dafür, dass die Leiden 
degenerativer Erkrankungen vorzeitig 
und frühzeitig durch den Infektionstod 
gestoppt wurden. 
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3 1 .  Jahrgang (2005), Heft 1 
Auf Basis d ieser Überlegungen 
kommt Fogel zu einer grundsätzlich po­
sitiven Sicht der näheren Zukunft. Er 
prognostiziert eine l ineare Zunahme 
der Lebenserwartung, die baldige Ein­
führung der 28-Stunden-Woche, ein 
Pensionsantrittsalter von 55 Jahren und 
eine allmähliche Konsumsättigung in  
den Industrieländern auf hohem Ni­
veau.  Er stützt diesen Optimismus ei­
nerseits auf demographische Lang­
zeitstudien und andererseits auf Be­
obachtungen des Konsumverhaltens. 
I nnerhalb der Konsumausgaben wird 
es nach Fogel zu einer Umschichtung 
zu Bereichen mit hoher langfristiger 
Einkommenselastizität, wie etwa Frei­
zeit und Gesundheit, kommen. Wäh­
rend nicht nur die Ernährungsausga­
ben , sondern auch die Ausgaben für 
dauerhafte Konsumgüter an Bedeutung 
verlieren werden, dürfte für 1 %  mehr 
Einkommen 1 ,5% mehr für Freizeit und 
1 ,6% mehr für Gesundheit ausgegeben 
werden. Finanzierbar hält er d ies mit 
durchschnittlichen realen Wachstums­
raten von ca. 1 ,5% jährlich (derzeitiger 
Durchschnitt der OECD-Länder) alle­
mal. 
So sehr dieser Optimismus nicht völ­
lig unberechtigt erscheint, erweist sich 
Fogeis Zugang hinsichtlich der von ihm 
postulierten Prognosen als nicht un­
problematisch. Zunächst ist festzustel­
len, dass sich Fogel in hohem Ausmaß 
auf US-Daten stützt. Beispielsweise ist 
die von ihm getroffene Annahme, dass 
der Anteil der Wohnungsausgaben sich 
in Zukunft unter 1 0% bewegen wird, für 
europäische Verhältnisse kaum als 
realistisch anzusehen. Auch ist die An­
nahme, ein langfristiges reales Wachs­
tumsniveau von 1 ,5% wäre jedenfalls 
zu halten,  zumindest anfechtbar. An­
gesichts gesättigter Konsumniveaus 
und Bevölkerungen mit hohen Anteilen 
älterer Menschen - zumindest in Eu-
        

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