Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2007 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 33. Jahrgang (2007), Heft 3
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Erst im 14. Jahrhundert ließ diese 
Dynamik allmählich nach. Es wurde 
den Klöstern gestattet, Lohnarbeiter 
einzustellen, was freilich unabding-
bar wurde, da sich nicht mehr genug 
Mönche und Laienbrüder fanden, um 
die erforderliche Arbeiten zu verrich-
ten. Aber auch ihre Verhaltensweisen 
passten sich allmählich an den grund-
herrschaftlichen Stil der anderen Or-
den an. Das galt natürlich auch für die 
Lebensführung der einzelnen Ordens-
angehörigen. Die Veränderung resul-
tierte nicht zuletzt daraus, dass die Au-
tonomie des Ordens teilweise verloren 
ging, weil die Äbte nicht mehr gewählt, 
sondern von außen aufgezwungen 
wurden. Diese „Kommendataräbte“ 
waren Aristokraten, die einen entspre-
chenden Lebensstil anstrebten. Wer 
die im Barock umgestalteten österrei-
chischen Stifte besucht, wird gewiss 
nichts mehr von der einstigen Kargheit 
vorfinden.
Vorläufer des Kapitalismus
Abschließend geht Nagel der Frage 
nach, ob die Zisterzienser bereits ka-
pitalistische Verhaltensweisen an den 
Tag legten. Max Weber sieht den Un-
terschied zwischen diesen und den 
„echten“ Kapitalisten darin, dass der 
– calvinistische – Unternehmer in sei-
nem wirtschaftlichen Erfolg den Erweis 
der göttlichen Gnade sah, der Zisterzi-
enser dagegen in der Arbeit den Aus-
druck seiner Askese.
Der Autor meint, dass man auch die 
unterschiedlichen zeitlichen Gegeben-
heiten in Rechnung stellen müsse. Der 
Kapitalismus sei durch den Gegensatz 
von Arbeit und Kapital charakterisiert, 
wogegen in den Klöstern ein solcher 
nicht existierte. Ferner macht sich der 
Kapitalist die Ergebnisse der wissen-
schaftlichen Revolution zu Nutze, wozu 
der Zisterzienser nicht in der Lage ge-
wesen sei. 
Daher sei die Frage nach der Gleich-
setzung der beiden Figuren müßig. 
Es könne nur darum gehen, allfällige 
Parallelen zwischen den beiden Wirt-
schaftsordnungen zu finden. Solche 
sieht Nagel in der Organisation des 
Ordens, die einem kapitalistischen 
Konzern vergleichbar gewesen sei. 
Weiters hätten viele Aufgaben der 
Mönche jenen eines heutigen Mana-
gers entsprochen. Ähnliches gelte für 
die Absatzorganisation.
In der Herausarbeitung der Unter-
schiede greift Nagel abermals auf  
einen Marx’schen Ansatz zurück und 
meint, das Wirtschaften der Zisterzien-
ser habe sich auf  Basis der einfachen 
Reproduktion vollzogen, was sicherlich 
nicht zutrifft, denn der Autor betont ja 
selbst wiederholt, dass die Erträge der 
Klöster stets zu Erweiterungsinvestiti-
onen verwendet wurden.
Ferner hätten die Mönche hinter 
Klostermauern, religiös determiniert, 
gehandelt, die Kapitalisten jedoch in 
der Welt. Schließlich benötige der Kapi-
talist individuelle Macht und rechtliche 
Absicherung – Attribute, die nur für den 
Orden als Ganzes relevant gewesen 
sein könnten. Eine Gleichsetzung von 
Zisterziensermönchen und Kapitalis-
ten sei daher nicht möglich. Es handle 
sich bei den Ersteren nur um „kaser-
nierte Vorboten“ des Kapitalismus.
Grundsätzlich ist den Schlussfolge-
rungen Nagels zuzustimmen. Auf  der 
einen Seite steht der individuelle Drang 
nach Einkommensmaximierung, auf  
der anderen Arbeit als Ausdruck per-
sönlicher Askese sowie das Wohl des 
Ordens. Es kann bei einem Vergleich 
nur darum gehen, allfällige Parallelen 
herauszuarbeiten. Doch scheinen ei-
nige Bemerkungen zu seiner Analy-
se angebracht. Der Kapitalismus wird
        

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