Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2008 Heft 3 (3)

34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 437 Ein Missverständnis Rezension von: Meinrad Böhl, Das Christentum und der Geist des Kapitalismus. Die Auslegungsgeschichte des biblischen Talentegleichnisses, Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2007, 321 Seiten, € 42,90. Zu den interessantesten wirtschafts- historischen Fragen zählt jene nach der Rolle der Kirche in der Entwicklung Europas zum Kapitalismus. Zwar setz- te dieser Prozess schon in der griechi- schen und römischen Antike ein, doch wurden dazu im Mittelalter entschei- dende Schritte gesetzt, nämlich auch solche, die zum Entstehen der Träger des Kapitalismus beitrugen: des eu- ropäischen Bürgers, der sich durch Individualismus, Verantwortungsbe- reitschaft, Selbstreflexion, Initiative, Bürgersinn und Interesse am wissen- schaftlichen Fortschritt auszeichnete, welcher gleichfalls ein Charakteristi- kum der europäischen Entwicklung darstellt. Hier kommt sicherlich den Einflüssen der katholischen Kirche, die in diese Richtung wirkten, hohe Be- deutung zu. Umso mehr, als ja schon den Zeitgenossen, wie Werner Som- bart, klar war, dass der religiöse Bei- trag zur kapitalistischen Entwicklung viel früher anzusetzen ist, als dies Max Weber annahm. Meinrad Böhl geht in seiner Disser- tation an der Philosophischen Fakul- tät der Universität Freiburg im Breis- gau, unter dem gewichtigen Titel „Das Christentum und der Geist des Kapi- talismus“, an Hand der Auslegungsge- schichte des biblischen Talentegleich- nisses nun der Frage nach, welche Rolle das Christentum für die Entste- hung des homo oeconomicus gespielt habe. Dazu untersucht der Autor zunächst diesen Begriff, von dem er meint, dass er heute generell die Verhaltensweisen in der Industriegesellschaft bestimme. Hiebei verfolgt er durchaus die neuere Diskussion, meint aber letztlich, dass trotz aller zusätzlicher Beschränkun- gen, wie bounded rationality und ein- geschränkter Information, das Verhal- ten der Zeitgenossen durch rationale Entscheidung in Richtung einer Nut- zenmaximierung erfolge. Das Talentegleichnis besagt, dass ein Herr auf längere Zeit verreiste und seinen drei Knechten 5, 3 bzw. 1 Ta- lent übergab. Bei seiner Rückkehr hat- ten die ersten beiden die Talente ver- doppelt, der Dritte jedoch nicht. Darauf lobte der Herr die Ersteren, ergrimmte jedoch über den Dritten und meinte, dieser hätte das Talent wenigsten dem Geldwechsler übergeben können, da- mit wären zumindest Zinsen angefal- len. Und er befahl: „Nehmt ihm also das Talent und gebt es dem, der die zehn Talente hat. Denn jedem, der hat, wird gegeben werden und er wird Überfluss haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, ge- nommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die Finsternis draußen, da wird Heulen und Zähne- knirschen sein.“ Es liegt auf der Hand, dass diese eklatant kapitalistische Aussage jahr- hundertelang christliche Autoren jeg- licher Konvenienz veranlasste, dieses Gleichnis derartig zu interpretieren, dass es für die Gläubigen fruchtbar wurde. Dieses Bemühen wird vom Au- tor auf nahezu 250 Seiten penibelst nachgezeichnet. Der Erfolg dieser Am- bitionen findet u. a. auch darin seinen Niederschlag, dass nicht einmal der explizite Verweis auf die Tätigkeit von Banken und dem Anfall von Zinsen da- ran etwas zu ändern vermochte, dass

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