Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2008 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 34. Jahrgang (2008), Heft 3
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sämtliche Konfessionen diese strikte 
verbaten. Zwar bildeten sich allmählich 
gewisse Ausnahmen heraus, doch am 
Grundsatz wurde nicht gerüttelt.
Aber wo bleibt in der ganzen Ge-
schichte eigentlich der homo oecono-
micus? Natürlich taucht er nirgendwo 
auf. Böhl behilft sich damit, dass der 
Gläubige durch entsprechendes Wohl-
verhalten seinen religiösen Nutzen 
maximiere, er also als homo oecono-
micus in spiritualibus zu betrachten sei 
und die katholische Lehre dem Entste-
hen desselben damit zumindest nicht 
im Wege gestanden wäre.
Die erste Hypothese scheint an den 
Haaren herbeigezogen. Denn dass 
gottgefälliges Verhalten im Jenseits 
belohnt werde, gilt wohl für sämtliche 
Glaubensgemeinschaften und hat mit 
rationaler Wahl zwischen Alternativen 
zum Zwecke der Nutzenmaximierung 
nichts zu tun. Und wenn jemand oder 
etwas eine Entwicklung nicht behin-
dert, resultiert daraus noch kein Bei-
trag zu deren Entstehung.
Überhaupt bleibt das Forschungs-
objekt dieser Arbeit unklar. Mag sein, 
dass die penible Darstellung der Inter-
pretationen des Talentegleichnisses 
Theologen oder Philosophen einen 
Informationsgewinn vermittelt. Dem 
inhaltlich wie im Titel explizierten Ziel, 
den Einfluss des Christentums auf die 
Entstehung des homo oeconomicus 
und damit des Kapitalismus zu unter-
suchen, wird die Arbeit in keiner Weise 
gerecht.
Schon der Begriff des homo oecono-
micus scheint für eine solche Analyse 
zu eng. Bei diesem handelt es sich ja 
– selbst in seiner restringierten Form 
– um ein ahistorisches Konstrukt, dem 
allenfalls für die gegenwärtige Indust-
riegesellschaft einige Aussagekraft 
zukommt. Wesentlich für die bürgerli-
chen Träger des Kapitalismus erwie-
sen sich ja – wie eingangs erwähnt – 
auch ihr wissenschaftliches Interesse 
wie ihr Bürgersinn.
Der durchaus relevante Einfluss der 
katholischen Kirche auf die Entstehung 
des Kapitalismus lief auf ganz anderen 
Schienen. Da ist zunächst die prinzi-
pielle Trennung von Kirche und Staat 
(„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist 
und Gott, was Gottes ist“), welche die 
Entstehung säkularer Gemeinwesen 
ermöglichte und damit eine theokrati-
sche Erstarrung, wie im Islam, verhin-
derte.
Dazu kam das strikte christliche Ar-
beitsethos, dass nicht nur die produk-
tive Tätigkeit als gottgefällig betrach-
tete, sondern auch darauf Wert legte, 
dass diese zweckmäßig und rational 
erfolge. Entscheidend erwies sich je-
doch die Rolle der Kirche für die Ent-
wicklung der Wissenschaft im Allge-
meinen sowie der Naturwissenschaft 
im Besonderen. Das ging nicht nur auf 
die Gründung mittlerer Lehranstalten 
und die Förderung der Universitäten 
zurück, welche letztere sich einer im-
mer stärkeren geistigen Unabhängig-
keit erfreuten. Entscheidend für die 
Entwicklung voraussetzungsloser, em-
pirischer Forschung erwies sich, dass 
innerhalb der Kirche, seit Anselm von 
Canterbury, die Vernunft zum Maß-
stab der wissenschaftlichen – auch 
der theologischen – Analyse wurde. 
Diese Einstellung erreichte ihren mit-
telalterlichen Höhepunkt in Thomas 
von Aquin und Albertus Magnus. Letz-
terer definierte seine Position mit den 
Worten: „Wenn jemand den Einwand 
erhebt, dass Gott mit seinem Willen 
den Lauf der Natur zum Stillstand brin-
gen kann ... dann antworte ich, dass 
ich mich um die Wunder Gottes nicht 
kümmere, wenn ich Naturwissenschaft 
betreibe.“ Das war keineswegs atheis-
tisch gemeint, sondern sollte nur zum
        

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