Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2009 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 35. Jahrgang (2009), Heft 4
620
Weltgeschichte des 19. Jahr-
hunderts
Rezension von: Jürgen Osterhammel,  
Die Verwandlung der Welt.  
Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts,  
C. H. Beck, München 2009,  
1.568 Seiten, € 49,90.
Jürgen Osterhammel, Professor für 
Neuere und Neueste Geschichte an 
der Universität Konstanz, hat sich seit 
den 1980er-Jahren einen Namen als 
Spezialist für chinesische Geschichte 
und Geschichte der Globalisierung ge-
macht. Herausragende Werke bildeten 
„Britische Übersee-Expansion und bri-
tisches Empire vor 1840“ (1987), „Chi-
na und die Weltgesellschaft“ (1989), 
„Die Entzauberung Asiens“ (1998), 
„Kolonialismus“ (in 5. Auflage 2006) 
und „Geschichte der Globalisierung“ 
(in 4. Auflage 2007, gemeinsam mit 
Niels P. Petersson). Nun legt Oster-
hammel sein bislang ambitioniertestes 
Buch vor, eine Weltgeschichte des 19. 
Jahrhunderts. 
Weltgeschichte, so der Autor, sei 
eine Möglichkeit der Geschichtsschrei-
bung, stelle den Versuch dar, epochal 
Wichtiges und Charakteristisches he-
rauszuarbeiten. Sein Epochenporträt 
biete den LeserInnen ein Interpretati-
onsangebot. 
Wie aber kann Globalgeschichte 
tatsächlich geschrieben werden? Wel-
chen Zugang wählt Osterhammel? 
Sein opus magnum ist weder eine 
chronologische Aufarbeitung noch ein 
Handbuch. Der Autor hält „Meisterer-
zählungen“ für legitim, die postmoder-
ne Kritik habe „sie nicht obsolet, son-
dern bewusster erzählbar gemacht“. 
(S. 19) Osterhammel wendet dieses 
Verfahren auch auf der Ebene der Teil-
systeme an, d. h. auf die „erkennbaren 
Ordnungen menschlichen Gemein-
schaftslebens“. 
Der Band gliedert sich in drei Teile. 
Die drei Kapitel des ersten Teils umrei-
ßen die Parameter für alles Folgende: 
Selbstreflexion, Zeit und Raum. Os-
terhammels „langes“ 19. Jahrhundert 
reicht von den 1760er- bis in die 1920er-
Jahre, also vom Siebenjährigen Krieg, 
einem der ersten weltumspannenden 
Konflikte, bis zu den Nachwirkungen 
des Ersten Weltkriegs. Den inneren 
Schwerpunkt dieses randoffenen 19. 
Jahrhunderts bilden die 1860er- bis 
1880er-Jahre. 
Die acht Kapitel des zweiten Teils 
(Sesshafte und Mobile; Lebensstan-
dards; Städte; Erschließungsgrenzen 
(frontiers); Imperien und Nationalstaa-
ten; Mächtesysteme, Kriege, Internati-
onalismen; Revolutionen; Staat) bieten 
jeweils ein Panorama eines Wirklich-
keitsbereichs (Teilsystems).
Welche allgemeinen Tendenzen im 
19. Jahrhundert arbeitet Osterhammel 
beispielsweise im Bereich der Urbani-
sierung heraus – neben der quantita-
tiven Ausdehnung von Städten nach 
Fläche, Einwohnerzahl und Anteil an 
der Gesamtbevölkerung?
1.) Die nahezu überall feststellbare 
Urbanisierung verlief in den verschie-
denen Weltteilen mit unterschiedlicher 
Geschwindigkeit. 
2.) Aufgrund von zusätzlichen Spe-
zialfunktionen nahm die Vielfalt von 
Stadttypen zu (Hauptstädte, imperia-
le Städte, Industriestädte, Hafenstäd-
te, Eisenbahnknoten, Freizeitzentren 
etc.).
3.) Ein Weltstädtesystem entstand, 
innerhalb dessen die größten Städte 
im Dauerkontakt vielfältig vernetzt wa-
ren. 
4.) Die urbanen Infrastrukturen wur-
den in beispielloser Weise ausgebaut.
        

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