Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2009 Heft 4 (4)

35. Jahrgang (2009), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
621
Zum Hochbau trat der Tiefbau. Priva-
te und öffentliche Infrastrukturinves-
titionen bildeten neben industriellen 
Anlageinvestitionen die wichtigste Ka-
pitalverwendung während der Industri-
alisierung. 
5.) Städtischer Grundbesitz wurde 
zur Vermögensanlage und zum Spe-
kulationsobjekt. Land gewann wegen 
seiner bloßen Lage an Wert. Das Hy-
pothekarwesen stellte eine der Grund-
lagen der modernen städtischen Fi-
nanzwirtschaft dar. 
6.) Die Stadtplanung entwickelte sich 
zu einer staatlich-kommunalen Dauer-
aufgabe. 
7.) Der Charakter städtischer Öf-
fentlichkeit und kommunaler Politik 
änderte sich dank breiterer politischer 
Repräsentation, der Organisierung 
von Interessengruppen, der politi-
schen Parteien, die sich Ende des 19. 
Jahrhunderts zu Massenbewegungen 
wandelten, und neuer Massenmedien. 
Eine differenzierte urbane Zivilgesell-
schaft bildete sich nicht nur im Westen, 
sondern etwa auch im spätkaiserlichen 
China. 
8.) Städte rückten in den Mittelpunkt 
von kulturellen und politisch-ideologi-
schen Weltdeutungskämpfen.
In den sieben Kapiteln des dritten 
Teils (Energie und Industrie; Arbeit; 
Netze; Hierarchien; Wissen; „Zivilisie-
rung“ und Ausgrenzung; Religion) tritt 
die zuspitzende Diskussion einzelner 
Aspekte an die Stelle panoramatischer 
Umschau. Im Übergang vom zweiten 
zum dritten Teil verlagert sich somit 
das Gewicht etwas von der Synthese 
zur Analyse. 
Erneut sei zur Veranschaulichung ein 
Kapitel herausgegriffen, nämlich jenes 
zum Thema Wissen. Dank Alphabe-
tisierung, Durchsetzung der Schul-
pflicht, wachsender Verfügbarkeit von 
Druckmedien und der Ausbreitung von 
Weltsprachen wurde der Zugang zu 
Wissen im 19. Jahrhundert leichter, 
verbesserten sich die Chancen vieler 
Menschen, ein gewisses Maß an Bil-
dung zu erwerben. Die zahlreichen 
Formen, in denen praktisches Lernen 
und moralische Unterweisung statt-
fand, wurden erstmals als Erziehungs-
system gedacht und in der Praxis als 
solches geordnet. Die Verschulung 
der Gesellschaft – ein europäisch-
nordamerikanisches Programm des 
frühen 19. Jahrhunderts, das mit der 
Zeit weltweit zum Ziel staatlicher Po-
litik erhoben wurde –, diente auch als 
wichtiges Instrument der Durchstaatli-
chung von Gesellschaften. Der Staat 
wurde „Schulstaat“, die Gesellschaft 
„Schulgesellschaft“. 
Die „moderne Wissensgesellschaft“ 
institutionalisierte, veralltäglichte und 
globalisierte sich im 19. Jahrhundert. 
Die heutige Fächersystematik geht auf 
diese Epoche zurück. Die Forschungs-
universität trat von Europa aus ihren 
Siegeszug an. Die Großindustrie ent-
wickelte eigene Formen der Gewin-
nung und Verbreitung von Wissen, 
betrieb systematisch Forschung. Die 
Beziehungen zwischen dem Wissen 
und seinen Anwendungen in Technik 
und Medizin intensivierten sich. Wis-
senschaftspolitik wurde gegen Ende 
des 19. Jahrhunderts zu einem neu-
en Zweig kontinuierlicher Staatstä-
tigkeit. Um 1910 war das Repertoire 
wissenschaftlicher Institutionen, wie 
wir sie heute noch kennen, etabliert. 
Die Wissensmobilität nahm wesent-
lich zu, doch mehr denn je zuvor war 
der Strom von Wissen eine Einbahn-
straße: Innerhalb weniger Jahrzehnte 
wurde in Ländern wie China, Japan 
und dem Osmanischen Reich west-
liches Wissen rezipiert. Nicht einmal 
die chinesische oder indische Medizin 
und Pharmakologie wurden damals im
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.