Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2009 Heft 4 (4)

35. Jahrgang (2009), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
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Weltkapitalmarkt sprechen. Telegraf 
und später Telefon ließen die Informati-
onsströme anschwellen. Und erstmals 
wurde Mobilität durch Infrastrukturen 
gestützt – vom Eisenbahnsystem über 
Reedereien bis zum Telefonnetz. 
3.) Auch Ideen und kulturelle Inhal-
te wurden im 19. Jahrhundert mobiler. 
Die Zunahme interkultureller Wahrneh-
mungen und Transfers beruhte nicht 
zuletzt auf erhöhter menschlicher Mo-
bilität, sinkenden Transportkosten von 
Gütern und Informationen sowie der 
Ausweitung medialer Transfermöglich-
keiten. „Während ein sehr großer Teil 
der Weltbevölkerung nach wie vor von 
der Existenz fremder Länder gar nichts 
wusste oder nur die undeutlichsten 
Vorstellungen mit ihnen verband, be-
obachteten die Bildungseliten die Au-
ßenwelt stärker denn je.“ (S. 1292) An 
die Stelle einer Vielzahl modellhafter 
kultureller Zentren trat, darauf wurde 
schon hingewiesen, der Westen (Eu-
ropa und Nordamerika) als weltweit 
maßstäbliche Referenzgröße.
4.) Der Ausbreitung der europäi-
schen Verfassungsidee, der sukzes-
siven Verwirklichung von Rechts-
gleichheit durch Beseitigung von 
Diskriminierungen (Abschaffung der 
Sklaverei, Befreiung der Bauern von 
feudalen Lasten) und den oftmals von 
unten erkämpften Freiheitsgewinnen 
(soziale Emanzipation der Arbeiter-
schaft) standen die Entstehung neuer 
internationaler Ungleichheiten (Koloni-
alismus, Imperialismus) und die Aus-
breitung des Rassismus gegenüber. 
Die Tendenz zur Rechtsgleichheit ging 
Hand in Hand mit dem Übergang zu 
einer sozialen Schichtung, in der die 
Stellung von Einzelnen und Famili-
en in der sozialen Hierarchie weniger 
von der Herkunft und stärker von der 
Marktposition bestimmt war. 
Jürgen Osterhammel hat ein sowohl 
in qualitativer wie auch in quantitati-
ver Hinsicht überaus eindrucksvolles 
Epochenporträt geschaffen, das neue 
Maßstäbe für die globale Geschichts-
schreibung setzt. Das Werk vereint be-
griffliche und analytische Genauigkeit 
mit dem Wissen um die Bedeutung der 
stupenden Vielfalt. Welch immenser 
Arbeitsaufwand mit diesem Buch ver-
bunden war, das lässt das hundertsei-
tige Literaturverzeichnis ahnen. 
Sehr bedauerlich ist, dass der Verlag 
auf die Ausstattung des Bandes mit 
Landkarten, Tabellen, Grafiken, Ab-
bildungen und Fotografien völlig ver-
zichtet hat. Wandel und weltregionale 
Vielfalt im 19. Jahrhundert ließen sich 
auch optisch gut belegen. 
 Martin Mailberg
        

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