Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2
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vegetieren möchte. Erfolg ist Erfolg, und das Handeln ist an andere Nor-
men nicht mehr gebunden. Deshalb sind neue Qualifikationen im Aufstieg: 
Selbstdarstellungskompetenz, Inszenierungsvermögen, Aufmerksam-
keitsakquirierung, Vernetzung. Das sind die „Leistungen“, und sie produ-
zieren eine entsprechende Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die 
Leistungsgesellschaft wird zur Bluffgesellschaft. Ob diese Wandlung für 
eine unter Stress stehende Wissensgesellschaft (in einem globalen Wett-
bewerb) zukunftsträchtig ist, lässt sich bezweifeln. 
4.2 Jenseits der Verlässlichkeit: Hyperflexibilisierung
Zygmunt Bauman (2000) hat die Moderne eine „flüchtige“ genannt: 
„liquid modernity“. Alles Stehende und Ständische verdampft, wie es in 
einer klassischen Formulierung heißt, alles Feste gerät in einer Schwel-
lenzeit ins Fließen, alle Institutionen, Weltanschauungen, Parteien, Un-
ternehmen, Beziehungen, Religionen, Vertrautheiten. Das ist deswegen 
problematisch, weil es zur Tradition der Sozialwissenschaften gehört, auf 
die Wichtigkeit der Kompensation von individuellen Verunsicherungen und 
Unzuverlässigkeiten durch Institutionen hinzuweisen. Institutionen hem-
men nicht nur, sie bieten auch Sicherheit. Der Abbau von Institutionen 
ermöglicht Freiheiten, er entlässt die Individuen aber auch in die Unsi-
cherheit.
Die Verunsicherung der Männer und die Absicherungsstrategie der Frau-
en, die Berufserwartungen und die Einkommensansprüche, der kulturelle 
Sensationalismus, der Stress – alles drängt in wechselseitiger Verstär-
kung zur Auflösung konventioneller Verhältnisse des Zusammenlebens: 
„disembedding“.32 Nach der Schwellenzeit, in einigen Jahrzehnten, wer-
den alle Verlässlichkeiten geschwunden sein. Flexibilisierungsbereitschaft 
und Verlässlichkeitsverzicht werden zu neuen sozialen Verteilungskriteri-
en. Wer Karriere machen will, muss asozial sein – keinen Wert legen auf 
Familie, Freunde, Nachbarschaft. Er muss Ungebundenheit bereitstellen, 
jederzeitige Verfügbarkeit, generalisierte Einsatzfreude. Oder er gibt sich 
mit der Erfolglosigkeit zufrieden.
4.3 Jenseits der Lebenswelt: Kommodifizierung
Einst herrschte ein Bewusstsein davon, dass sich die großen geschicht-
lichen Potenzen – Staat, Wirtschaft, Kultur und Religion – wechselseitig 
in Balance zu halten hätten; dass sie jeweils unterschiedliche Ziele ver-
folgen und dass sich die eine Sphäre nicht gänzlich durch die andere er-
setzen lässt. Dieses Balance-Paradigma schwindet in der Postmoderne. 
Der neue ökonomische Monismus drängt dazu, alle Sphären des Lebens 
auf ihre wirtschaftlichen Komponenten abzubilden. Auch die Unsicher-
        

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