Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2
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Verteilung ungleicher. In den europäischen Ländern ist dieser Prozess 
durch wohlfahrtsstaatliche Umverteilung eine Zeitlang abgeschwächt 
worden, während sich in den Vereinigten Staaten die Sekundärverteilung 
(nach den Eingriffen des Staates) sogar mehr verschärft hat als die Pri-
märverteilung (Einkommen aufgrund der Marktergebnisse).37 
Die neue Verteilungstendenz läuft nicht nur darauf hinaus, dass die Rei-
chen mehr an Zuwachs bekommen als die Ärmeren. Vielmehr bedeutet 
sie Realeinkommensverluste beziehungsweise Lebensstandardverluste 
für den größeren Teil der Bevölkerung. Die zweite Hälfte des 20. Jahr-
hunderts brachte eine außergewöhnliche Nachkriegsprosperität; Armut 
wurde marginalisiert, zu einem Randgruppenphänomen; Arbeitsplatzsi-
cherheit erlaubte die Konzeption von Lebensläufen und Karrieren.38 Doch 
nach einem Jahrhundert der Egalisierung von Einkommen werden Ten-
denzen zu einer neuen Polarisierung spürbar, aus technisch-strukturellen, 
aus global-wirtschaftlichen und aus machtpolitischen Gründen. Es sind 
Tendenzen zu einer neuen Klassengesellschaft, zumal in den USA, trotz 
vorläufiger Konsumrekorde.39 
5.2 Zerstörung der Mittelschicht
Die Makroverteilungsdaten werden auf der Mikroebene von einer Ver-
änderung der Arbeitswelt begleitet. „Subjektivierung von Arbeit“,40 „neues 
Prekariat“:41 wachsende Gruppen, die auf Dauer auf die Ausübung unsi-
cherer, niedrig entlohnter und gesellschaftlich gering angesehener Arbei-
ten, ohne weitergehende Perspektive, angewiesen sind. Die Arbeitswelt 
wird „brüchig“.42 Vor allem bricht die Mitte der Gesellschaft weg, durch das 
wenig qualifizierte Leiharbeiterpotenzial ebenso wie durch akademische 
„Sackgassenkarieren“. „Negative Individualisierung“ bedeutet: Zersplitte-
rung und Fragmentierung der sozialen Mitte, Diffusion sozialer, rechtlicher, 
materieller und beruflicher Unsicherheit, eine Kultur des Zerfalls. Preka-
rier als „Grenzgänger einer veränderten Arbeitswelt“: „Sie bewegen sich 
durch das unwegsame Gelände von Minijobs, Praktika, Leiharbeit, be-
fristeten Tätigkeiten und staatlichen Unterstützungsleistungen. Sie stehen 
nicht mehr nur sporadisch oder periodisch, sondern dauerhaft zwischen 
Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit. Sie pendeln zwischen geförder-
ter und nicht geförderter Beschäftigung, sie sind zwischen auskömmli-
cher Tätigkeit und Armut trotz Erwerbstätigkeit hin- und hergeworfen, sie 
kämpfen um die Aussicht auf stabile Beschäftigung und gegen berufli-
che bzw. arbeitsweltliche Ausschussdynamiken.“43 Die Wirtschaftskrise 
hat solche Prozesse beschleunigt, schließlich ist gerade das industrielle 
Arbeitspotenzial besonders betroffen. Angst und Verunsicherung dringen 
weiter vor,44 in Mittelschichten und Stammbelegschaften, mit folgenden 
Auswirkungen:
        

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