Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
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Erstens beginnen die Angehörigen der Mittelschicht ihre Positionen mit 
Zähnen und Klauen zu verteidigen. Manche öffnen sich deshalb für eine po-
pulistische Politik, die auf dem Ressentiment gegenüber anderen, insbeson-
dere Ausländern, beruht: Solidaritätsabbau, Fremdenfeindlichkeit, steigende 
Aggressivität. Irgendjemand muss ja schuld sein, wenn alles zerbröckelt. 
Zweitens zeichnet sich die Formierung eines gegenkulturellen Milieus 
ab: das Bild einer Unterschicht, die sich durch familiale Verwahrlosung, 
Zielgruppenfernsehen, Bildungsdefizite und Billigkonsum vereinheitlicht, 
zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen 
abschottet45 – das „abgehängte Prekariat“.46 Aus diesem „Loch“ kommt 
man sein Leben lang nicht mehr heraus. Daneben entstehen Ausländer-
milieus, deren Bewohner sich oft in ähnlicher Lage befinden; und die un-
mittelbare Erfahrung der Konkurrenz fördert erst recht die wechselseitige 
Feindseligkeit.
Damit hängt der dritte Aspekt zusammen. Gerade die Arbeitnehmermit-
te verkörpert respektable Milieus, die sich durch ein besonderes Pflicht- 
und Arbeitsethos ausgezeichnet haben: „moralische Ökonomie“, „Profes-
sionsethiken“. Sie reagieren besonders empfindlich auf eine Unsicherheit, 
die sie als „Verrat“ empfinden. Ihre Reziprozitätserwartungen werden ent-
täuscht, und man kann nicht erwarten, dass sie jene Loyalität gegenüber 
dem Betrieb, der Institution oder der Gesellschaft, die gerade ihnen ab-
verlangt wird, aufrechterhalten.47 Warum sollten sie auch?48 Das Modell 
„prekärer Grenzgänger“ findet sich nicht nur in industriellen Arbeitswelten, 
sondern dringt auch in den Bereich der öffentlichen Beschäftigung vor: 
Bildungs- und Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung, soziale Da-
seinsvorsorge.49 Dort breiten sich Kurzfristbeschäftigte, Leiharbeiter und 
unechte Selbstständige epidemisch aus – sogar als Prekarisierung der 
Prekaritätsbearbeiter. (Das heißt: Sozialarbeit wird von subventionierten 
Vereinen mit entsprechenden prekaristischen Arbeitsverhältnissen erle-
digt.) Das verändert auf Dauer auch die Maßstäbe der Gemeinwohlori-
entierung und der öffentlichen Verantwortung.50 Wissenschaftler hanteln 
sich von Projekt zu Projekt. Das honorige Briefaustragen wird Nebentätig-
keit von Studenten. Die Polizei überlappt sich mit der Sicherheitsfirma. Da 
sind es nicht nur die materiellen Verhältnisse, die sich im Wandel befin-
den, sondern auch die Stimmungslagen, von denen diese Veränderungen 
begleitet werden: Wenn der Wohlfahrtsstaat zur zweiten Moderne wird, 
verändert sich die Sprache der Sozialintegration zum Vokabular einer Ge-
winner-Verlierer-Kultur. 
5.3 Die gefühlte Unterschicht
Niedrigeinkommensbezieher in den reichen Ländern stehen unter be-
sonderem Druck: durch die globale Abwanderung ihrer unqualifizierten
        

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