Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
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ansteigenden Lebenserwartung der 
europäischen Bevölkerung. Sie zielen 
also darauf ab, das System finanziell 
abzusichern.
Aber damit gelangen wir wieder 
zu einer Aussage Prischings, die 
mir gleichfalls diskussionswürdig er-
scheint, wiewohl sie auch von anderen 
Autoren vertreten wird. Das oben Ge-
sagte deutet darauf hin, dass das Sys-
tem der sozialen Sicherheit im Prinzip 
unverändert funktioniert und auch ei-
nen durchaus relevanten Umvertei-
lungseffekt generiert – wie das kürzlich 
eine Studie des WIFO demonstrierte.1 
Freilich kann nicht bestritten werden, 
dass im letzten Jahrzehnt die Lohn-
quote in fast allen europäischen Staa-
ten zurückgegangen ist. Doch lässt 
sich daraus wohl keine Auflösung der 
Mittelstandsgesellschaft ableiten.
Ein gravierendes Element dieser 
Entwicklung sieht Prisching – nebst 
anderen Autoren – in den prekären 
Arbeitsverhältnissen. Die Probleme 
solcher kurzfristigen, unsicheren Be-
schäftigungen untersuchen vor allem 
akademische Autoren, weil sie nun 
tatsächlich in ihrem Lebensbereich 
diesem Phänomen ständig begegnen. 
Betrachtet man jedoch die Statistiken, 
zeigt sich, dass solche Arbeitsverhält-
nisse keine große Rolle spielen. Sie 
betreffen fast ausschließlich jünge-
re Akademiker (im Juni 2010 gab es 
22.140 Freie Dienstverträge).
Großes Gewicht kommt freilich der 
Teilzeitarbeit zu, die vorwiegend von 
Frauen ausgeübt wird und 25% der Un-
selbstständigen erreicht. Hier lassen 
sich im Zeitablauf recht unterschied-
liche Einschätzungen feststellen. Vor 
einem Jahrzehnt traf man diese vor 
allem in Holland an sowie in Schwe-
den. Damals konnten sich die Massen-
medien in Österreich nicht genug tun, 
die Bundesregierung zu kritisieren, 
weil sie nichts in dieser Richtung un-
ternehme. Dadurch würde nämlich die 
Beschäftigung ausgeweitet und Frau-
en dem Arbeitsmarkt zugeführt. Heu-
te, da wir gleichfalls eine hohe Quote 
erreicht haben, liest man nur Kritik 
daran, weil damit prekäre Arbeitsver-
hältnisse geschaffen würden und man 
die Frauen zwinge, nur Teilzeit zu ar-
beiten. Tatsächlich aber bevorzugt die 
überwiegende Mehrheit der Betroffe-
nen diese Arbeitsform – aus welchen 
Gründen immer. Eine Verlängerung 
der Arbeitszeit wünschten 2009 laut 
Mikrozensus nur 14,6%.
Nun ist Prisching in seiner Kritik der 
Finanzmärkte und ihrer Akteure voll 
zuzustimmen, insbesonders auch im 
Hinblick auf die schamlosen Einkom-
men, welche sich diese gegenseitig 
zuschieben. Doch meint er selbst, 
dass davon nur eine sehr kleine Grup-
pe betroffen sei. Auch daraus lässt 
sich also schwer auf eine Auflösung 
der Mittelstandsgesellschaft schlie-
ßen. So rasch ändern sich soziale 
Strukturen nicht, wenn schon aus kei-
nem anderen Grund, dann infolge von 
Pfadabhängigkeit.
Die Entwicklung setzt sich fort
Die vorstehenden Gedanken sollten 
dartun, dass sich die europäische Ge-
sellschaft weniger einem fundamen-
talen Entwicklungsbruch gegenüber 
sieht als Veränderungen, die dem kapi-
talistischen System eigen sind. Damit 
soll keinesfalls gesagt sein, dass nicht 
zahlreiche Probleme existieren und 
in Zukunft auch noch entstehen kön-
nen, aber eine spezifische Dramatik ist 
nicht zu erkennen – auch nicht durch 
die Umweltproblematik, über welche 
Prisching alles das mitteilt, was täglich 
in den Zeitungen zu lesen ist und des-
halb nicht an Relevanz gewinnt.
        

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