Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 4
568
Er spricht vollkommen zu Recht 
davon, dass der Westen „trotz aller 
Jammereien“ mit der bisherigen wirt-
schaftlichen und gesellschaftlichen 
Entwicklung zufrieden sein könne. 
Doch auch diese erfolgte ja nicht ste-
tig. Das „Goldene Zeitalter“ ging Mitte 
der Siebzigerjahre zu Ende. Danach 
halbierten sich die realen Wachstums-
raten, und man erlebte die Wieder-
kehr der Arbeitslosigkeit. Gewiss hielt 
sich diese Belastung in relativ engen 
Grenzen, weil sie durch die Systeme 
der sozialen Sicherheit aufgefangen 
wurde. Und es ist, wie darzulegen ver-
sucht wurde, auch nicht abzusehen, 
dass sich eine grundsätzlich neue Ent-
wicklung vollziehen könnte. Auch mit 
den „gefühlten“ Bedrohungen und Be-
lastungen der Bevölkerung sollte man 
vorsichtig sein und prüfen, wie weit 
diese nicht nur die Befindlichkeiten 
einer Intellektuellenschicht widerspie-
geln, welche sich auch in den Massen-
medien niederschlagen.
Das sei am Problem der „Armut“ 
exemplifiziert. Ein uninformierter Be-
sucher Österreichs könnte bei der 
Lektüre der heimischen Presse den 
Eindruck gewinnen, in einem Land, das 
von einem ärmsten zu einem reichsten 
Länder Europas und damit der Welt 
wurde, dessen Pro-Kopf-Einkommen 
fast das Zehnfache von 1937 beträgt, 
sei die Armut das Hauptproblem. Zu-
gegebenermaßen werden solche 
Gedankengänge durch die Armuts-
definition der UNO gefördert, wonach 
Personen, deren Einkommen 60% des 
Landesdurchschnitts nicht erreicht, 
armutsgefährdet sind. Auf diese Wei-
se ist nämlich sichergestellt, dass 
das Armutsproblem nie verschwinden 
kann. Denn selbst bei relativ gleich-
mäßiger Einkommensverteilung, wie 
sie in Österreich gegeben ist, muss 
ein fast konstanter Anteil unter diesem 
Grenzwert liegen. Mit der vielkritisier-
ten bedarfsorientierten Mindestsiche-
rung von 744 Euro mussten 1959 im 
Durchschnitt alle österreichischen Un-
selbstständigen ihr Auslangen finden. 
Es ist schon klar, dass Armut auch ein 
relatives Element enthält, aber eine et-
was nüchternere Betrachtung dieses 
Problems erschiene angezeigt.
Die Finanzkrise brachte den stärks-
ten wirtschaftlichen Rückschlag seit 
1945 in den westlichen Ländern. Doch 
bewies die Staatengemeinschaft durch 
ihr energisches, keynesianisch inspi-
riertes Eingreifen, dass selbst solche 
gravierenden Probleme gelöst werden 
können. Man vergleiche den Rück-
gang des österreichischen Brutto-Na-
tionalprodukts 2009 von 3,5% real mit 
jenem von 1929 bis 1933 von 22,5%, 
nicht zu reden von der Arbeitslosigkeit. 
Unser Sozial- und Wirtschaftssystem 
scheint also ziemlich robust zu sein. 
Wir sind noch lange nicht so weit, um 
sagen zu müssen: „Lasst alle Hoff-
nung fahren!“
Anmerkung
1   Guger, Alois; et al., Umverteilung durch 
den Staat in Österreich (WIFO, Wien 
2009).
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.