Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
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stellen. Abbau von Naturschätzen wird 
nicht als Kapitalkosten bewertet. Er 
stellt Erträge dar. Zu diesen schwer-
wiegenden Problemen6 kommen 
wachsende Anforderungen an die Be-
lastbarkeit und Änderungsfähigkeit der 
Menschen, die ebenfalls einen nicht 
beachteten Kostenfaktor darstellen.
„Worum aber geht es mir? Einfach 
darum, dass unsere Hauptaufgabe 
darin besteht, von unserem gegenwär-
tigen Kollisionskurs wegzukommen. 
Wer aber soll eine solche Aufgabe in 
Angriff nehmen? Ich denke, jeder von 
uns, ob alt oder jung, mächtig oder 
machtlos, reich oder arm, mit oder 
ohne Einfluss. Über die Zukunft zu 
sprechen ist nur dann sinnvoll, wenn 
daraus jetzt ein Handeln wird….Min-
destens müssen wir das Problem 
gründlich verstehen und beginnen, die 
Möglichkeiten zu sehen, einen neuen 
Lebensstil mit neuen Produktionsver-
fahren und neuen Verbrauchsmustern 
zu entwickeln: einen auf Dauer aus-
gerichteten Lebensstil“ (17/18). Kein 
Verlass hier auf erzwungenen Verzicht 
oder problemaufschiebende Exper-
tenempfehlungen. Gesucht ist ein all-
gemein akzeptierter neuer Lebensstil 
statt bloßer Produktionsziele: ein neu-
er Mensch? Ein Mensch, mit der Natur 
verbunden, der unter den neuen Ver-
hältnissen Arbeitsfreude, Wohlstand 
und Zufriedenheit finden kann. Hinwei-
se zur Erreichung solcher Bedingun-
gen sind bei Schumacher u. a. eine 
biologische Landwirtschaft, kleinere 
menschenfreundliche Technologien 
und Produktionsstätten, solidarische 
Beziehungen etc.
Im Folgenden geht Schumacher auf 
ethische Fragen ein, die politisches 
und wirtschaftliches Verhalten betref-
fen und deren Beachtung er als Vor-
aussetzung für eine befriedigende Lö-
sung der Zukunftsprobleme erachtet. 
Im Wesentlichen geht es ihm darum, 
vom materiell orientierten homo oe-
conomicus zu einem geistig und „see-
lisch“ stärker motivierten Menschen 
zu wechseln. Er stimmt Gandhi zu, 
der verachtend von Träumen sprach, 
die so vollkommen sind, dass nie-
mand gut sein muss. Und er kritisiert 
bei Keynes, den er im Allgemeinen 
bewundert, dass er in seiner optimis-
tischen Zukunftsvision „Wirtschaftliche 
Möglichkeiten für unsere Enkel“ eine 
bessere und schönere Welt in etwa 
hundert Jahren erwartet, wenn durch 
den ständigen Fortschritt der jetzigen, 
auf materielles Wachstum ausgerich-
teten Wirtschaft eine ausreichende 
materielle Grundlage für jeden Bürger 
gesichert sein wird. Schumacher be-
zweifelt einen engen Zusammenhang 
zwischen „ausreichender“ materieller 
Ausstattung und „ethisch und geistig 
gutem“ Verhalten und betont darüber 
hinaus, dass angesichts von Bevölke-
rungswachstum, Rohstoffbegrenzun-
gen und ständig wachsenden Bedürf-
nissen die Idee einer allumfassenden 
optimalen materiellen Ausstattung so-
wieso utopischen Charakter hat.
Schumacher anerkennt, dass es der 
menschlichen Natur sehr entgegen-
kommt, sich persönlich zu bereichern, 
und das dies ein wichtiger wirtschaft-
licher Antrieb sein kann. Der homo 
oeconomicus ist keineswegs eine un-
nütze Fiktion der Theorie. Aber „eine 
Haltung dem Leben gegenüber, die Er-
füllung ausschließlich im Streben nach 
Reichtum – kurz gesagt im Materialis-
mus – sucht, passt nicht in diese Welt, 
weil sie kein begrenzendes Prinzip 
anerkennt“ (26). Langfristige Vernunft 
erfordert Stetigkeit und Nachhaltigkeit. 
Wachstum als zeitlich begrenztes Ziel 
kann durchaus vernünftig sein. Aber 
als einziges allgemeines und unbe-
grenztes Ziel ist es selbstzerstörend.
        

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