Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
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die Natur umzugestalten – oder wie er 
auch sagt „auszubeuten“. (Damit be-
weist er seine „politische Korrektheit“.) 
Diesen Prozess demonstriert er einer-
seits an den Leistungen der Chemie, 
andererseits an Produktionsrationali-
sierung und Massenproduktion. Hier 
fällt offenbar die technische Produktin-
novation fort. Daran schließt sich eine 
Darstellung über die Wandlungen der 
energetischen Basis des industriellen 
Produktionsprozesses sowie über die 
Bedeutung der Stadt dafür wie auch 
die technikbestimmte Entwicklung ihrer 
Infrastruktur. Die Mobilität im 20. Jahr-
hundert führt vom Fahrrad über das 
Motorrad zum Auto, um schließlich im 
Luftverkehr einen Abschluss zu finden. 
Auch dem Massenmedien und deren 
technischer Entwicklung widmet der 
Autor ein Kapitel.
Abschließend stellt König Überlegun-
gen zur Position der Technik in der Ge-
sellschaft an. Hegten die Menschen in 
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 
noch volles Vertrauen in den techni-
schen Fortschritt, vollzog sich seit 1970 
ein grundlegender Wandel. Dazu sieht 
der Autor Gründe in den Abwürfen der 
Atombomben, in der so empfundenen 
Beschleunigung des technischen Wan-
dels und schließlich in der Umweltge-
fährdung. Letzteres wird ausführlich 
– mit einem wachstumsskeptischen 
Unterton – behandelt.
Zuletzt stellt er die Frage, ob man 
aus der Geschichte im Allgemeinen 
und der Technikgeschichte im Beson-
deren lernen könne. Anwendbare Leh-
ren für zukünftige Entwicklungen lie-
ßen sich daraus kaum gewinnen, doch 
ergäben sich mittelbare Nutzanwen-
dungen. „Technikhistorisches Wissen 
schärft die Urteilsfähigkeit hinsichtlich 
der soziokulturellen Voraussetzungen 
und Auswirkungen der Technik. … Sie 
besitzt damit eine relativierende Funk-
tion; stärkt insbesondere das kritische 
Bewusstsein gegenüber leichtfertigen 
Heilsversprechungen und Untergangs-
prophezeiungen.“
Welche Technikgeschichte?
König hat eine kompakte Darstel-
lung der technischen Entwicklung seit 
der Industriellen Revolution vorgelegt. 
Dem notwendigerweise etwas sperri-
gen theoretischen Teil folgt der mate-
rielle, welcher sich angenehm flüssig 
liest und über die gewählte Periode 
umfassend informiert. Gewiss lässt 
sich über das eine oder andere Argu-
ment diskutieren, aber das tut der Ar-
beit keinen Abbruch. Allerdings gibt es 
einen grundlegenden Einwand gegen 
dieses Buch: Es ist keine Technikge-
schichte!
Zwar dokumentiert es diesen An-
spruch im Titel, trägt diesem jedoch 
nicht Rechnung. Abgesehen davon, 
dass man sich von einem Autor dieses 
Zuschnittes eine Verarbeitung der di-
versen theoretischen Ansätze zu einem 
geschlossenen System erwartet hätte; 
König behandelt zwar den wichtigsten, 
aber doch schmalen Bereich der tech-
nischen Entwicklung. Die Technik der 
Antike hätte in einer Technikgeschich-
te einen relevanten Platz einnehmen 
müssen. Noch wesentlicher jedoch 
erscheint die technische Entwicklung 
des Mittelalters. Gerade ein Autor, der 
versucht, die Wandlungen der Technik 
in einen sozio-ökonomischen Rahmen 
zu stellen, müsste dieser Periode größ-
te Aufmerksamkeit widmen.
Denn wie erklärt sich der Wandel von 
der antiken Statik zu einer wachsenden 
Dynamik Europas im technischen Be-
reich, der Weg von der Invention zur 
Innovation. Zwar kannte beispielswei-
se die Antike bereits die Wassermüh-
le, aber erst im Mittelalter wurde sie in
        

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