Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2011 Heft 1 (1)

37. Jahrgang (2011), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
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Mythos Marienthal
Rezension von: Reinhard Müller (Hrsg.), 
Mythos Marienthal. Blicke auf die Fabrik, 
die Arbeiterkultur und die Arbeitslosen, 
StudienVerlag, Innsbruck 2010,  
224 Seiten, € 29,90.
Es gibt wohl kaum ein Dorf in Ös-
terreich, das so umfassend erforscht 
wurde wie Marienthal. Das Buch „Die 
Arbeitslosen von Marienthal“ machte 
diesen Ort innerhalb der Sozial- und 
Kulturwissenschaften weltweit be-
kannt. Diese sogenannte Marienthal-
Studie gilt auch ein dreiviertel Jahr-
hundert nach ihrer Entstehung als eine 
der bedeutendsten Gemeindestudien, 
als eine Pionierarbeit auf dem Gebiet 
der Soziographie, als noch immer ak-
tuelles Grundlagenwerk der Arbeits-
losen- und als wegweisendes Projekt 
der empirischen Sozialforschung.
Der internationalen wie nationalen 
Bekanntheit Marienthals haftet, so der 
Autor, dennoch etwas Legendäres an. 
Das mag am zeitlichen Querschnitt lie-
gen, der lediglich das Marienthal des 
Winters 1931/32 beschreibt und ana-
lysiert, ebenso am zentralen Thema 
der Studie, das zu einer Gleichsetzung 
Marienthals mit außerordentlicher Ar-
beitslosigkeit führte, wenngleich diese 
nur ein halbes Jahrzehnt währte. Wich-
tig für die Mythisierung Marienthals ist 
jedoch der Umstand, dass dieser Ort 
auf kaum einer Landkarte zu finden 
ist. Marienthal bezeichnet nämlich kein 
Dorf im verwaltungstechnischen Sinn, 
sondern ist lediglich der Name für eine 
Fabrik und die dazugehörige Arbeiter-
kolonie. 
Wenig Beachtung fand bislang das 
Projektteam der Marienthal-Studie, 
dem insgesamt fünfzehn Personen 
angehörten. Heute werden meist nur 
die drei Autorennamen mit dem Pro-
jekt verbunden: Paul F. Lazarsfeld als 
Leiter, seine damalige Ehefrau Marie 
Jahoda (gesch. Lazarsfeld, verh. Albu; 
1907-2001), eine Sozialpsychologin, 
als Autorin der eigentlichen Studie, 
schließlich der Verfasser des sozio-
graphischen Anhangs, der Soziologe 
und Rechtwissenschaftler Hans Zeisel 
(1905-1992).
Wesentlichen Anteil hatte die in 
der Studie lediglich bedankte Lotte 
Schenk-Danzinger, die den Großteil 
der Feldforschung leistete. Weitere 
Mitglieder waren die damalige Psy-
chologiestudentin Elfriede Czeija (geb. 
von Guttenberg; 1910-2000), die Le-
bensgefährtin des bekannten sozialde-
mokratischen Politikers Julius Deutsch 
(1884-1968), die Hauptschuldirekto-
rin und Wiener Gemeinderätin Ma-
ria Deutsch (geb. Herzmansky, verh. 
Kramer; 1884-1973), deren Tochter, 
die Psychologiestudentin und spätere 
Psychologin Hedwig Erna Friederike 
Deutsch (geb. Kramer, verh. Jaho-
da; 1911-1961), der damalige Welt-
handelstudent und spätere Diplomat 
Karl Hartl (1909-1979), Marie Jaho-
das Cousine, die Ärztin Clara Jahoda 
(1901-1986), der Arzt Paul Stein, die 
Ärztin und Psychoanalytikerin Josefi-
ne Stross (1901-1995), die später als 
Ärztin Sigmund Freuds und als Mit-
begründerin der „Hamstead War Nur-
series“ bekannt wurde, die Soziologin 
Gertrude Wagner (geb. Höltei; 1907-
1992), der damalige Jusstudent und 
spätere Diplomat Walter Wodak (1908-
1974), die Schwester Hans Zeisels, die 
damalige Psychologiestudentin und 
spätere Meinungsforscherin Ilse Zei-
sel (verh. Williams; 1909-1999) und 
der Arzt Kurt Zinram. Alle gehörten der 
Sozialdemokratie an und kamen aus 
dem Freundes- und Verwandtenkreis
        

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