Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

nen Marktwirtschaften. Diese Expansion hat das Wachstum anderer Sek-
toren restringiert. Nachdem jedoch an der logischen Stringenz und Kohä-
renz der Neoklassik nicht zu zweifeln ist, müssen die restriktiven
Annahmen verletzt worden sein. Dies kann entweder durch den Eingriff
der Politik in an sich funktionsfähigen Märkten oder durch endogene Pro-
bleme des Marktversagens verursacht werden. Realistisch betrachtet
haben beide Momente in jeweils unterschiedlicher Zusammensetzung
eine Rolle gespielt. Ein Problem besteht auch darin, dass die Funktionsfä-
higkeit von Märkten im oben erwähnten Sinne eine Reihe von Institutionen
voraussetzt. Die falsche, aber verbreitete Gleichsetzung von „freien“ und
„unregulierten Märkten“ bringt die Problematik einer Laissez faire-Politik
auf den Punkt.30 Nachstehend werden zunächst die wachstumsbezoge-
nen Implikationen des Strukturwandels referiert, daraufhin folgt eine Dis-
kussion der Entwicklungen im Finanz- und Immobiliensektor.
Die aufgrund der „balance-sheet recession“ mittelfristig schlechten
Wachstumsaussichten lassen die Wirtschaftspolitik nach neuen Wachs-
tumsmöglichkeiten suchen. Der Konnex zur Industriepolitik folgt aus der
alten, aber nach wie vor aktuellen Diskussion über die Wachstumsfolgen
der Deindustrialisierung. Am Beginn dieser Debatte stehen die Arbeiten
von Kaldor (1967) und Baumol (1967). Ersterer vertrat die Ansicht, dass
hohe Wachstumsraten (>3%) nur möglich sind, wenn die Industrie noch
rascher (>>3%) expandiert (Kaldors Wachstumsgesetz)31. Nur durch die
Produktivitätsgewinne in der Industrie lässt sich ein hohes Wachstum
erreichen. Baumol geht von einer Dualstruktur der Volkswirtschaft aus.
Einem „technisch progressiven“ Sektor steht ein „technisch stagnierender“
Sektor gegenüber. Über einen mit „Kostenkrankheit“ umschriebenen Pro-
zess wandert die Beschäftigung zunehmend in den Sektor mit geringem
Produktivitätsfortschritt. Als Folge kommt es zur „growth disease“, einer
Abnahme des Produktivitätswachstums der Volkswirtschaft, weil der
immer kleiner werdende Anteil des technologisch fortschrittlichen Sektors
kaum mehr Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat
(asymptotische Stagnation). Schreitet also die Deindustrialisierung weiter
fort, so ist das Wachstum zunehmend von der Produktivitätsentwicklung
im Dienstleistungssektor abhängig.
Peneder (2003) bestätigt die theoretisch hergeleiteten Schlussfolgerun-
gen von Baumol (1967) in einer ökonometrischen Analyse mit Paneldaten
für 28 OECD-Staaten für den Zeitraum von 1990-1998. Während Dienst-
leistungen das Wachstum dämpfen, erhöhen technologiegetriebene und
humankapitalintensive Industrien dieses. Eine Schlussfolgerung der
Untersuchung ist, dass der Strukturwandel zugunsten von Branchen mit
höherem Produktivitätswachstum auch die gesamtwirtschaftliche Wachs-
tumsrate heben könnte. In jüngster Zeit entwickelt sich ein Literaturstrang,
der den Thesen von Baumol diametral entgegengesetzt ist. Die Annahme
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38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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