Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

Krise als klares Zeichen dafür, dass das Humankapital von der Wall Street
in innovativere und produktivere Verwendungen realloziert werden sollte.
Politökonomisch aufschlussreich ist die Tatsache, dass die USA und
Großbritannien sowie liberale Wirtschaftsmedien in den letzten Jahrzehn-
ten stets gegen industriepolitische Interventionen eintraten, weil „rent see-
king“ die unausweichliche Folge sei. Gleichzeitig wurde die Entwicklung
der Finanzbranche sehr positiv und als Ergebnis von Marktprozessen
beurteilt. Genauer und rückblickend betrachtet gibt es jedoch wohl nur
wenig andere Branchen, welche die Kunst des „rent seeking“ derart per-
fektionierten wie die Finanzbranche.44 Hohe Wahlkampfspenden und per-
sonelle Mobilität zwischen Finanzbranche und Politik ermöglichten der
Branche das Abschöpfen ungewöhnlich hoher Renten über einen Zeit-
raum von etwa drei Jahrzehnten. Regulierungsbehörden wurden demge-
genüber personell und finanziell beschnitten. Deutlich wird damit auch,
welch machtvolles und unterschätztes industriepolitisches Instrument
Regulierungen darstellen. Das Abstimmungsverhalten des britischen Pre-
mierministers David Cameron bei der Diskussion um Änderungen des EU-
Vertrags im Europäischen Rat im Dezember 2010 weist darauf hin, dass
die Verteidigung der Renten der Londoner Finanzindustrie höchste politi-
sche Priorität besitzt.45
Neben der Finanzindustrie war es vor allem die Bauindustrie, welche in
einigen Staaten eine starke Zunahme des Anteils an der Wertschöpfung
aufwies. Abbildung 5 zeigt den Anteil der Bauindustrie an der Bruttowert-
schöpfung von 1970-2007. Es wird deutlich, dass vor allem Spanien vom
Boom der Bauindustrie betroffen war. Dabei stieg der Anteil an der Wert-
schöpfung von 7,4% im Jahr 1994 auf 12,3% im Jahr 2007. Berücksichtigt
man zusätzlich die über Input-Output-Beziehungen mit der Bauindustrie
verbundenen Branchen, so war die spanische Wertschöpfung vor der
Krise zu 25% von der Bauindustrie abhängig.46 Geradezu spiegelbildlich
die Entwicklung in Deutschland: Nach der Boomphase im Gefolge der
Wiedervereinigung sank der Anteil der Bauindustrie an der Wertschöp-
fung von 7,0% (1994) auf 4,0% (2007). Österreich weist aufgrund einer
traditionell starken Orientierung der Politik (Infrastrukturinvestitionen,
öffentlicher Wohnbau) und Unternehmen (Investitionsförderung) an physi-
schen Investitionen einen konstant relativ hohen Anteil der Bauindustrie
an der Wertschöpfung von etwa 8% auf. Die Immobilienblase in den USA
spiegelt sich in einem verhaltenen Anstieg des Wertschöpfungsanteils der
Bauindustrie von 3,8% (1992) auf 5,2% (2006). Der Beginn der Krise in
den USA zeichnet sich bereits im Knick der Kurve von 2006 auf 2007 ab.
Das rasante, kreditgetriebene Wachstum der spanischen Bauindustrie
wurde wesentlich durch drei Faktoren ermöglicht: Erstens kam es im Zuge
der Euro-Einführung zur Zinskonvergenz der Eurostaaten. Davon profitier-
ten vor allem auch die südeuropäischen Staaten, die vorher teilweise
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38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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