Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

technischen Fortschritt. Dabei wird deutlich, dass die überproportionale
Bedeutung der Industrie im Innovationssystem – gemessen an ihrem
Anteil an der Wertschöpfung im Verhältnis zu den Ausgaben für F&E – für
alle Typen von Marktwirtschaften gegeben ist.65 Während der Industriean-
teil an der Wertschöpfung 10-25% beträgt, liegt der Industrieanteil am
Innovationsinput des Unternehmenssektors je nach Volkswirtschaft zwi-
schen 50 und 90%. In Großbritannien tätigt die Industrie noch immer drei
Viertel der Unternehmensausgaben für F&E. Die Spalten 4 und 5 von
Tabelle 2 vergleichen das Wachstum der totalen Faktorproduktivität im
Zeitraum 1995-2007 zwischen dem Unternehmenssektor insgesamt und
dem industriellen Sektor. Auch dieser Outputindikator für techischen Fort-
schritt macht deutlich, dass die Industrie ganz im Sinne von Baumol (1967)
als „technisch progressiver Sektor“ bezeichnet werden kann. Die einzige
Ausnahme hiervon ist die Entwicklung in Italien, wo der Rückgang der TFP
im Industriesektor stärker als in der Volkswirtschaft ausfiel.
Die Funktion der Industrie für das nationale Innovationssystem der USA
wird in einem vielbeachteten Beitrag von Pisano und Shih (2009) in der
Harvard Business Review analysiert. In Anlehnung an die Institution einer
Allmende66 identifizieren die beiden Autoren sogenannte „industrial com-
mons“, worunter etwa Kompetenzen im Bereich F&E, Ingenieurswesen
oder bei Produktionsprozessen zu verstehen sind. Diese „industrial com-
mons“ sind einerseits über verschiedene Akteure (Unternehmen, Univer-
sitäten, …) verstreut, andererseits regelhaft räumlich konzentriert.67 Sie
bilden die Basis für die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Industrie.
Gleichzeitig ist eine Erosion der „industrial commons“ mit einer Kettenre-
aktion verbunden, da komplementäre Ressourcen für Innovationspro-
zesse verloren gehen. Durch einen kumulativen Erosionsprozess, voran-
getrieben durch intensives Offshoring von Produktionsprozessen (z. B. in
der Elektronikindustrie), sind nach Pisano und Shih (2009) in den USA
bereits wesentliche Voraussetzungen für die zukünftige Entwicklung von
Hochtechnologie-Branchen verloren gegangen. Es sei eine völlig falsche
Vorstellung von Innovationsprozessen, wenn angenommen wird, die USA
könnten sich alleine auf F&E, Design und Marketing spezialisieren. Die
mikroökonomische Begründung hierfür liegt in der Tatsache begründet,
dass in der Wissensproduktionsfunktion von Hochtechnologie-Industrien
Prozessentwicklung nur sehr eingeschränkt substituiert werden kann.
Anders gesagt: Ohne die gleichzeitige Entwicklung neuer Prozesse fällt
auch die Entwicklung neuer Produkte schwer. „In the long term, then, an
economy that lacks an infrastructure for advanced process engineering
and manufacturing will lose its ability to innovate.“68 Aghion et al. (2011)
identifizieren noch eine weitere Ursache für den engen Zusammenhang
von Produktion und Innovation. Demnach ist gerade die Transition von
Forschungsergebnissen in die Fabrik eine Quelle zur Entwicklung ent-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1
        

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