Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

scheidender technologischer Fähigkeiten, welche wiederum als positive
Externalitäten auch für andere Unternehmen verfügbar werden (z. B.
durch Arbeitskräftemobilität).
Die Abwanderung reifer Industrien ist zwar einerseits Bestandteil eines
dynamischen Strukturwandels, aber auch dieser Prozess kann negative
Konsequenzen haben. Nach Pisano und Shih (2009) ist die Entstehung
neuer Industriezweige oft in entscheidender Weise von den „industrial
commons“ reifer Industrien abhängig. So wird etwa argumentiert, dass die
Abwanderung der Halbleiterindustrie die Voraussetzungen für die erfolg-
reiche Entwicklung von Solarzellen entscheidend beeinträchtigt habe, weil
die Entwicklung und Produktion von Solarzellen Kompetenzen in der Halb-
leiterproduktion voraussetzt.
Die Komplementarität von Produkt- und Prozessinnovationen wird durch
die Ergebnisse der Literatur zur Standortwahl von unternehmerischen
Funktionen partiell bestätigt. Aufgrund der rasanten Entwicklung interna-
tionaler Wertschöpfungsketten und der damit verbundenen Allokation von
Unternehmensfunktionen auf Standorte mit komparativen Vorteilen für die
jeweilige Funktion ergibt sich die Frage, welche Funktionen typischer-
weise räumlich ko-lokalisiert sind. Empirische Untersuchungen zeigen,
dass die Funktion der Produktion die stärkste Anziehungskraft für andere
Unternehmensfunktionen aufweist.69 Insbesondere neigen Unternehmen
in hohem Ausmaß dazu, die Funktionen „Design und Entwicklung“ in
räumlicher Nähe zur Produktion anzusiedeln. Aber auch die Standortwahl
von F&E-Funktionen weist eine relativ starke Abhängigkeit vom Produk-
tionsstandort auf. Beispiele aus der Regionalökonomie zeigen, dass viel-
fach erst der Aufbau einer industriellen Basis die Anreize zur Ansiedlung
von hochwertigen produktionsbezogenen Dienstleistungen schafft. Regio-
nen, die nicht bereits etablierte Zentren für hochrangige Dienstleistungen
darstellen, haben ohne industrielle Basis regelhaft auch nur einen gering
entwickelten, wissensextensiven Dienstleistungssektor.70
Untersuchungen zur Internationalisierung von schweizerischen Produk-
tionsunternehmen bestätigen den engen Konnex von Produktion und
F&E-Funktionen.71 Je höher der Internationalisierungsgrad der Produk-
tion, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass auch F&E internationali-
siert wird: „Forschung folgt Fertigung“.72 Freilich erfolgen im Ausland viel-
fach komplementäre und nicht substitutive F&E-Aktivitäten. So spielt die
Anpassung an lokale Märkte eine wichtige Rolle bei F&E-Aktivitäten im
Ausland. Trotzdem werden zwei Aspekte deutlich: Ersten sind F&E und
Produktion funktional und räumlich eng miteinander verknüpft. Zweitens
erweist sich die Idee einer internationalen Arbeitsteilung, in welcher sich
die reichen Staaten auf Forschung und Design neuer Produkte spezialisie-
ren, während diese in Entwicklungs- und Schwellenstaaten produziert
werden, als partiell inkompatibel mit realen Unternehmensstrategien. Die
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38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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