Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

Internationalisierung der Produktion war der Vorläufer der Internationali-
sierung von F&E-Aktivitäten.73
4. Lernen von der deutschen Wirtschafts- und Industriepolitik?
Wie in Kapitel 2 gezeigt wurde, war die wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands vor der Krise relativ zu den liberalen Marktwirtschaften kei-
neswegs besonders positiv, Deutschland wurde vielmehr als Wachstums-
bremse kritisiert. Der deutsche Arbeitsmarkt hat jedoch in der Krise eine
erstaunlich gute Performanz gezeigt. Hier liegt wohl die wichtigste Ursa-
che für die Attraktivität des „Geschäftsmodells Deutschland“. Dies steht im
scharfen Kontrast zum starken Einbruch bei der Produktion. Während die
geleisteten Arbeitsstunden aber im Einklang mit dem Einbruch der Pro-
duktion gesunken sind, wurden unerwartet wenige Arbeiter gekündigt.
Diese Entwicklungen sind im Wesentlichen auf den Industriesektor
beschränkt. Die am häufigsten genannten Erklärungen hierfür betreffen
Arbeitsmarktinstitutionen (Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten), Arbeitsmarktre-
formen (Agenda 2010), Lohnzurückhaltung und automatische Stabilisato-
ren.74 Burda und Hunt (2011a) haben neue Erkenntnisse zum deutschen
Arbeitsmarkt in der Krise präsentiert. Ihr Beitrag basiert auf der Analyse
der Erwartungen der Unternehmen über die Wirtschaftslage in den Vorkri-
senjahren 2005-2007. Dabei zeigt sich, dass die Erwartungen der deut-
schen Industrie sehr pessimistisch waren. Als Folge davon wurden relativ
zur tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung wenig Arbeiter angestellt. Die
geringe Arbeitsnachfrage vor der Krise wird in Relation zu den geringen
Kündigungsraten in der Krise gesetzt. Ökonometrische Analysen erge-
ben, dass 41% des „fehlenden“, d. h. des zu erwartenden Rückgangs an
Beschäftigung, gemessen an historischen Rezessionen, durch diesen
Mangel an Anstellungen vor der Krise erklärt werden kann. Weitere 20%
werden durch die Lohnzurückhaltung vor der Krise erklärt. Auch die
Arbeitszeitkonten haben die Anreize der Unternehmen, von Entlassungen
Gebrauch zu machen, reduziert. Zusammengenommen ergibt sich das
ernüchternde Ergebnis, dass die Entwicklung des deutschen Arbeits-
markts eine „historical anomaly“75 war, die vor allem auf ein „one-off event
with less favourable social welfare implications“76 zurückgeht. Eine Über-
nahme des Modells der Arbeitszeitkonten wäre für die USA zwar interes-
sant, aber schwierig, weil dieses System auf den für eine koordinierte
Marktwirtschaft typischen Institutionen aufbaut. Das deutsche Arbeits-
marktwunder wird sich daher weder in Deutschland noch in anderen Staa-
ten mit großer Wahrscheinlichkeit replizieren lassen.
Die Orientierung an den Exporterfolgen der deutschen Industrie ist
ebenfalls von einigen fragwürdigen Annahmen geprägt. Oft erwähnt, aber
46
Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.