Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

deswegen trotzdem richtig: Ein gleichzeitiges Streben von Staaten nach
Leistungsbilanzüberschüssen ist saldenmechanisch nicht möglich: Des
einen Überschuss ist des anderen Defizit. Nicht minder problematisch ist
eine breite Anwendung einer Politik der Lohnzurückhaltung, wie dies etwa
Levy (2012) vorschlägt. Wenngleich die dynamischen Exportmärkte in
den Schwellenländern liegen, dürfte die Substitution einer fallenden Nach-
frage infolge von Lohnzurückhaltung in den OECD-Staaten nur schwer
möglich sein. Die Einschätzung über die deutsche Entwicklung von Ratt-
ner (2011, 8), wonach „more exports have generated more profits and
created more jobs, and these in turn have fueled domestic demand for
consumer products“, ist falsch. Das stagnierende Wachstum der Real-
löhne zwischen 2000-2010 hatte vielmehr eine Konsumschwäche zur
Folge.77 Zu bedenken ist auch, dass Deutschland durch den Euro einen
nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil erhält. Hätte Deutschland
eine nationale Währung, wäre es längst zu massiven Aufwertungsprozes-
sen gekommen, die aber aufgrund der in Summe mehr oder weniger aus-
geglichenen Leistungsbilanz der Eurozone unterbleiben. Nach Schätzun-
gen müsste es zu einer Aufwertung von 30-40% kommen.78 Weiterhin
stellt sich grundsätzlich die Frage nach der wohlfahrtsökonomischen Ver-
nunft, die hinter dem ständigen Erzielen von Außenhandelsüberschüssen
besteht. Der Zweck von Exporten ist zunächst einmal die Finanzierung
von Importen. Dieses Argument wird meist durch den Hinweis auf demo-
grafische Alterungsprozesse und die damit verbundene intertemporale
Optimierung von Spar- und Konsumentscheidungen für die kurze und mitt-
lere Frist relativiert. Jedoch scheint auch hier das deutsche Modell Gefahr
zu laufen, die Erträge aus dem Kapitalexport nicht zu lukrieren. Diese
haben sich mittlerweile zu einem Auslandsvermögen von ca. 900 Mrd.
akkumuliert.79 In den Jahren vor der Krise kam es zum Aufbau von Bestän-
den amerikanischer Wertpapiere von fragwürdiger Qualität in oder außer-
halb der Bilanzen deutscher Banken. Diese haben sich ex post vielfach als
„Ramschpapiere“ herausgestellt. Der Tausch „Porsche gegen Mortgage
Backed Securities“ war nicht besonders vorteilhaft.80 Aber auch dem deut-
schen Auslandsvermögen in Europa drohen durch die Wirtschafts- und
Schuldenkrise hohe Abschreibungen. Die liberale NZZ kommentiert die
deutsche Strategie entsprechend ironisch: „All die schönen, mit viel Auf-
wand produzierten deutschen Autos und Maschinen wären dann ins Aus-
land verschenkt worden. Und verschenken ist in der Regel nicht das Ziel
des Wirtschaftens.“81
Ein letzter Punkt erweist sich im Zusammenhang mit der Exportorientie-
rung, der Krise und der Bewunderung für das deutsche Modell als gera-
dezu grotesk: Deutschland hatte aufgrund seiner starken Abhängigkeit
von der Exportnachfrage den schwersten Einbruch der Produktion unter
den OECD-Staaten zu verzeichnen. Die Exportgüter der deutschen Volks-
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38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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