Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

Besonders gut sind heute die deutschen Arbeitsmarktzahlen: Die
Arbeitslosenquote stieg in der Finanzkrise nicht, und nun geht sie sogar
merklich zurück, zuletzt auf 5,8% der Erwerbspersonen, unterboten nur
noch von Österreich (4%) und den Niederlanden (5%). Das ist vor
allem auf die sozialpartnerschaftliche Beschäftigungspolitik, aber auch
auf Sonderfaktoren zurückzuführen: Erstens hat Deutschland in der
Krise erfolgreich auf Kurzarbeit, den Abbau von Plusstunden und
Urlaubsbeständen gesetzt und so trotz des drastischen Produktions-
einbruchs die Beschäftigung in der Industrie gehalten. Innovative For-
men der Arbeitszeitverkürzung haben wesentlich dazu beigetragen,
den Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Krise zu verhindern. Zweitens,
geht in Deutschland im Unterschied zu den anderen EU-Ländern die
Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurück: Bis 2020 wird sie sogar
um 11/2 Millionen Menschen sinken. Das entlastet den Arbeitsmarkt
und erleichtert vor allem den Jugendlichen den Zugang zur Beschäfti-
gung.
Plötzlich scheint es, als müssten die anderen EU-Länder wirtschafts-
politisch nur alles so machen wie Deutschland, um aus der Krise zu
kommen. Bei innovativen Modellen der Arbeitszeitpolitik ist das der
Fall. Eine parallele Politik der Lohnzurückhaltung und der Staatsausga-
benkürzungen hingegen, wie sie in Deutschland über 20 Jahre prakti-
ziert wurde, führt in der gesamten EU direkt in die Rezession: Die Wie-
derentdeckung des Modells der nationalstaatlichen Wettbewerbspolitik
verhindert gemeinsame solidarische Lösungen auf europäischer
Ebene. Trotz der günstigeren Ausgangslage und der engen Verflech-
tung mit den expandierenden Teilen der Weltwirtschaft kann sich auch
Deutschland den Folgen der Rezession in wichtigen Euroländern nicht
entziehen. Entscheidend für die deutsche Konjunktur ist, wie sich die
Konsumnachfrage entwickelt. Zwar läuft die Beschäftigungsentwick-
lung gut, doch überrascht angesichts der rückläufigen Arbeitslosigkeit
und des allgemeinen Klagens über einen Arbeitskräftemangel das Feh-
len eines merkbaren Reallohnanstiegs. Ohne deutliche Ausweitung der
realen Kaufkraft der Arbeitseinkommen wird sich in Deutschland die
Konjunktur allerdings nicht dauerhaft festigen können.
Auch Österreich profitiert derzeit von seiner engen Außenhandels-
verflechtung mit Deutschland. Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbe-
dingungen scheinen in mancher Hinsicht sogar noch günstiger als jene
Deutschlands: Der breiter ausgebaute Sozialstaat, ein funktionieren-
des Lohnverhandlungssystem, die moderne Industriestruktur und eine
antizyklische Budget- und Beschäftigungspolitik haben den Nachfrage-
einbruch in der Rezession 2009 relativ verhalten ausfallen lassen, vor
allem dank stabiler Konsumnachfrage. 2012 stärken Reallohngewinne
die verfügbaren Einkommen und die Konsumnachfrage, die dämpfen-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1
        

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