Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

die expansiven Maßnahmen wirkungslos oder verschärfen die Probleme
sogar. Die jüngere Entwicklung in den USA oder in Japan sind dafür schla-
gende Beispiele. Gleichermaßen kann expansive Fiskalpolitik bloß dann
wachstumsfördernd und beschäftigungsvermehrend wirken, wenn ausrei-
chend freie Kapazitäten zur Verfügung stehen. Demgemäß kann es in
neoklassischen Modellen, die von jeweils voller Kapazitätsauslastung und
allenfalls freiwilliger Arbeitslosigkeit ausgehen, keine expansiven Wirkun-
gen (positive Multiplikatoren) geben. Die Multiplikatoren können u. U. sehr
klein oder sogar negativ sein, wenn es um die Konsolidierung hoher Bud-
getdefizite bzw. den Abbau exzessiver Staatsschulden in nicht rezessiven
Phasen geht (siehe die letzten Absätze dieses Abschnitts).
Die Wahl der Instrumente ist insofern relevant, als sie auf die Art der Ziel-
verletzung und die wahrscheinlichen Reaktionen der Betroffenen abge-
stimmt sein sollte. So kann entweder in die materielle oder immaterielle
Infrastruktur investiert werden, können private Investitionen oder der Kon-
sum angeregt, Ausgaben forciert oder Steuern gesenkt werden. Entschei-
dend ist, möglichst bei den Ursachen der Zielverletzung anzusetzen und
Sickerverluste ins Ausland oder in zusätzliche Ersparnisse zu vermeiden.
Ein Versuch Kosteninflation mit restriktiver Politik zu bekämpfen wird
ebenso erfolglos bleiben wie nachfragestützende Maßnahmen in einer
Situation mangelnder Wettbewerbsfähigkeit.
Eine weitere Voraussetzung für funktionierende Fiskalpolitik a la Hyd-
raulik ist eine unterstützende Geldpolitik. Eine Kombination expansiver
Fiskal- und neutraler oder gar restriktiver Geldpolitik muss die Expansion
an deren Nicht-Finanzierbarkeit scheitern lassen: Die hohen und/oder
steigenden Zinssätze verdrängen die private Nachfrage. Insbesondere bei
einer Liquiditätsfalle (Nominalzinssatz gleich Null) kann der Multiplikator
jedoch recht hoch sein.12
Schließlich sind die Erwartungen entscheidend. In Perioden mit großem
Pessimismus werden die zusätzlichen Staatsausgaben cet.par. eher zu
höheren Ersparnissen als zu zusätzlichen Ausgaben der Privaten führen –
der Multiplikator ist klein. Die neuere Literatur hat diesen Aspekt im
Gefolge der Politikineffektivitätshypothese als Normalfall – also auch ohne
Pessimismus – stark betont: Rationale Erwartungen und unendlicher Zeit-
horizont würden jeden expansiven Effekt verhindern, da die Wirtschafts-
subjekte von Steuererhöhungen zur Schuldentilgung ausgehen und dafür
Rücklagen bilden. Solche Erwartungen mag es in manchen Fällen durch-
aus geben, vor allem wenn die Staatsschulden hoch, Staatsvertrauen und
Wachstumserwartungen aber gering sind, sodass wenig Aussicht auf
„Selbstfinanzierung“ der Fiskalpolitik besteht. Wenn die zusätzlichen
Staatsausgaben als dauerhaft betrachtet werden, sind derartige Erwartun-
gen eher wahrscheinlich als im „Normalfall“ temporärer Defizite zur
Bekämpfung von Nachfrageausfällen.
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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